Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. März 1946 (Heidelberg)


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<KH hat sich im Monat vertan, wie anhand der Briefnummerierungen u. -daten von beiden ersichtlich wird>
Heidelberg. 4.II.1946

No. 12.
erhalten No 12
vom 16.II. am 26.II.
Mein geliebter Freund!
Wie sehr ist mein Herz erleichtert durch die Nachricht von dem Brief aus H. Ich war doch mit Dir in großer Sorge, denn die Möglichkeiten werden ja immer enger. Ich kann Dir ja nicht sagen, wie sehr mich das Benehmen hier empört hat. Aber wir wissen, wie wichtig das Wort von Troetsch immer gewesen ist,! bis auf wenige Ausnahmen. Mögest Du solche Ausnahmen dort antreffen, wohin Du kommst. – Von mir hat Dir schon mein voriger Brief berichtet. Auch der Montag brachte noch allerlei Erfreuliches, und abends ein gemütliches Nachtessen bei Buttmis.
Leider ist recht unangenehmes, naßkaltes Wetter, und gerade in solchen Tages wird immer das neue Holz geliefert, das dann vollgesogen mit Wasser ist und nicht brennen will. Ich habe zum Holen jetzt immer Hülfe von Hannes Fröhlich, im Hause unter mir wohnend, und es ist keine große Anstrengung, aber es kostet unverhältnismäßig viel Zeit.
Von den Freunden ist leidlich Gutes zu berichten. Vor allem freut man sich, daß Dr. Drechsler nun heimgekehrt ist. Vermutlich wird er demnächst hier zur Mutter kommen, um seine Zukunftspläne zu ordnen. Seine Frau und zwei Kinder sind in Karlsruhe
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| bei der Schwiegermutter. So haben sie wenigstens nach allen Mißgeschicken alle ein gesichertes Unterkommen. So sehr ich jedem solch günstige Lösung gönne, so steht mir doch dabei immer das Schicksal von Hermann und Hete vor der Seele, die noch immer in dem Lager ausharren müssen und dabei auch vor der Befreiung daraus nur neue Sorgen vor sich sehen. Aber er schreibt an die Kinder sehr tapfer. –
Heute war ich in Ziegelhausen bei der Waschfrau. Es hat nicht geregnet und alles ging ganz glatt, aber ich bin sehr müde davon. Trotz meines guten Befindens und ausreichender Ernährung will die Widerstandskraft nicht recht wachsen. Am meisten beklage ich dabei, daß ich garnicht dazu komme, freie Zeit für Lektüre und Schreiben zu erübrigen. Jeder Tag ist mit Gleichgültigkeiten angefüllt. Dabei möchte ich Dir doch gern recht ausführlich über Deine verschiedenen Schrift- und Drucksachen meine Eindrucke mitteilen. Vor allem beschäftigt mich die Studienzeit. Das Bild von Dilthey ist ganz so wie es mir aus den mündlichen Berichten lebendig war. Schon 1903 bei den "einsamen Kiefern" erzähltes Du mir, daß er von Dir ein Resultat Deiner Arbeit verlangt hätte, das Deiner Überzeugung nicht entsprach. Ich habe überhaupt von damals so viele Einzelerinnerungen, von denen ich Dir unbedingt mal erzählen muß – schriftlich oder mündlich! Ja, wird das je möglich sein?
Wie Mattusek seine Reise einrichten wird, weiß ich noch nicht. Ich sprach ihn nur kurz auf der Straße. Er äußerte gleich, daß er vielleicht, je nach Deinem Verbleib, einen Un Umweg machen würde. Ob er die Wahrheit ahnt, weiß ich nicht.
Von Lili Scheibe kam auf Anfrage nach langer Zeit mal eine Karte. Sie ist noch in ihrer alten Wohnung mußte [über der Zeile] 3 Zimmer abgeben und schreibt recht deprimiert.
Die Klarstellung des Problems in der "Kirche" habe ich mit Buttmi's nochmals gelesen und dort die gleiche Einstellung gefunden wie die meine, nämlich daß es eigentlich kein Problem für uns ist, sondern daß wir auf die – nach der Meinung der Schriftleitung – ungläubige Seite gehören. In der Entgegnung, die Anna Weise auch mitschickte, drückt man sich allerdings etwas schonender aus. Ich wundere mich, warum Deine Ausführungen "tapfer" genannt werden. Sie sind einfach klar! – Auch die "Kraftquelle Innerlichkeit" fand in ihrer Lebenswärme ein freudiges Echo. Dort im Hause ist auch etwas spürbar von echt menschlichem Streben. – Dagegen ist es mir immer schmerzlich, daß bei Rösel, die ich auch hochschätze, und die auch eine suchende Seele hat, so wenig von dem was sie sein möchte zum Ausdruck kommt. Sie steht mit sich und dem Schicksal im Kampfe und hat noch keinen Ausgleich gefunden. Darunter leidet sie und ihre Umgebung. – Wie anders ist da Frau Heraucourt! Von einem unverwüstlichen
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| Optimismus und einer freudig blühenden Phantasie. Tabei ist sie auch temperamentvoll und hat ihre sehr bestimmte Meinung, aber man fühlt den friedlichen Grund hinter allem. – Und Schoepffer's? Er ist eine stille Seele, voll Geduld, obgleich fast blind; aber jetzt leider völlig kraftlos. Die Frau noch immer als treue Hausfrau tätig, aber bei aller Gläubigkeit recht verzagt. – Dann nehme ich noch lebhaft teil an dem Schicksal von Paula Seitz und Gertrud Spröhnle, die mit dem dritten Reich nicht nur all ihre Illusionen sondern auch die äußere Existenz zusammenbrechen sehen. Gertrud, die eine ausgeheilte Tb. hatte, ist wieder schwer erkrankt und jede neue Errregung bringt heftige Rückschläge. Ich besuche sie öfters und suche sie zu zerstreuen. – So gehen die Tage hin. –
Am nächsten Sonnabend ist wieder Sitzung mit der Opernsängerin, deren beide Augen eine Veränderung an der Iris haben, die ich malen soll. So habe ich allerlei Verdienst. Ob von dm vielen Geld auf der Sparkasse etwas übrig bleiben wird nach der Ordnung durch die Amerikaner? Und wann werden wir endlich wieder ein deutsches Reich haben?? – Es ist drollig, daß Du mir aus dem Blatt aus dem Tagesspiegel gerade das Bild von dem " Schuhmacher" schickst, der hier als der fähigste Politiker gilt. SPD und KPD, das ist wohl die Zukunft! Und wo bleiben wir?! Du auf alle Fälle in meinem Herzen. So grüße ich Dich und Susanne vielmals und wünsche Euch alles Gute in diesen entscheidenden Tagen. Immer
Deine
Käthe.