Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10./11. März 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10.III.1946.

No 13.
erhalten N 12./16.II.
am 26.II.
Mein geliebter Freund!
Die Begehrlichkeit nach neuen Nachrichten ist im Augenblick natürlich sehr groß, aber ich bin schon ungemein ungeduldig geworden, und ich weiß auch, daß Du mir schreibst, soviel es geht.
Inzwischen hat sich bei mir nichts ereignet, wenn auch allerlei drohend bereit war. Bei dem lieben Ehepaar v. Schoepffer scheint es nun rasch zuende gehen zu wollen. Seine Kräfte wollen nicht wieder zunehmen und er hat viele Schmerzen. Die Frau ist beständig um ihn und wird sicher sein Ende nicht lang überstehen mit ihrem erschöpften Herzen. – Vom Tode Prof. Seidels in Jena wirst Du gelesen haben. Ich habe nur Wohlwollen und Anerkennung von ihm erfahren und traure aufrichtig um seinen Verlust. Er ist der Arbeitslast erlegen, die durch den absoluten Ärztemangel verursacht war infolge der Entnazifizerung.
Gestern ist zum 7. mal der Versuch gemacht worden, mich aus der Wohnung zu vertreiben, und zwar wieder von Amerikanern. (3. mal) Ich vermute auch, daß ich den Beweggrund kenne. Ich war so töricht, s. Z. bei der ersten Nachfrage anzugeben, daß ich
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| 1932 nach 4monatiger Mitgliedschaft aus der Partei austrat. Der stupide deutsche Eifer registierte dies als Zugehörigkeit und zwar traf das gerade im vorigen Jahr mit meiner Erkrankung zusammen, die mich diese Tatsache völlig übersehen ließ. Später habe ich dann beim Military Government eine Woche lang gekämpft, bis ich diesen Schandfleck wieder los war, aber ohne die zufällige Bekanntschaft mit einem einflußreichen, jüdischen Dolmetscher hätte ich es kaum erreicht. Ganz bald nach der Registrierung damals kamen 2 Amerikaner, und abgesehen davon, daß meine Wohnung nichts Gewinnendes hat, stellte der Deutschspr[über der Zeile] echende fest, als er hörte, ich sei anno 32 nicht ein- sondern ausgetreten "das könne nur zu meinem Vorteil sein." Seitdem kamen nur Deutsche vom Heidelberger Wohnungsamt, bis jetzt 2 x wieder die Amerikaner, die mit dem 1. April hier umquartiert werden. Da wird nun eine Liste von damals sein, auf der die Nazis angemerkt sind. Das wurde mir gestern offenbar bestätigt, und ich bewies das Gegenteil. Ob es aber bis zur Quelle vordringt, ist fraglich. Ich werde daher versuchen, auch irgendwie durchzudringen, um endlich Ruhe zu haben. Der amerikanische Soldat, ein Sohn Enak's, wie die meisten, der beinah nicht durch die Tür ging, wendete sich auch aus der Enge mit sichtlichem Abscheu ab.
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Sonst geht mein Leben still dahin. Heut war Frau Buttmi 2 Stunden gemütlich zu einer Tasse Kaffee (Ersatz-) Weißbrot und saurem Zwetschgenmus bei mir. Freitag war ich bei Rösel Hecht, deren Tochter jetzt studiert, und von den Schwierigkeiten in der Wahl der Fächer etc. sprach. Das erinnerte mich natürlich alles lebhaft an alles, was Du über Deine ersten Semester sagst. Natürlich ist das, was Du über diese Erfahrungen sagst von Deinem heutigen Urteil beeinflußt, aber die Erkenntnis ist Dir doch eben durch die Erfahrung gewachsen . –  – Ich lese immer nur wenig, bin abends immer so zum Umfallen müde, obgleich ich so wenig tue. Gestern gab es Holz zu holen, wobei mir immer Hannes Fröhlich Froelich hilft. Diesmal ist es auch gut und relativ trocken. So wird es auch wärmen und nicht zischend im Ofen ausgehen!
Sehr viel stehen liebe Bilder aus unsrer gemeinsamen Vergangenheit vor mir, mitveranlaßt durch Deine Erinnerungsblätter. Also damals kam eine Karte von Hermann, die Dich ankündigte, als "etwas formell, aber sehr klug und kenntnisreich". Dann kamst Du am Sonntag, d. 23. VIII., standest vor der Tür, als ich aus der Stadt kam vom Bäcker, wohin
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| ich für den Vorstand ging, die inzwischen einen Brief an ihre Schwester schrieb, heimlich vor der Mutter! Ich war verlegen, denn ich hatte recht laut aufgetrampelt, um Aenne einen fremden Besuch vorzutäuschen, und da war nun schon ein Besuch! Wir unterhielten uns dann in der von Dir geschilderten Zimmerecke und beim Abschied bot ich meine gelegentliche Führung zu schönen Wanderungen an. Es erfolgte nichts und ich war erstaunt, als Du acht Tage später noch einmal kamst, wieder zu einer höflichen Visite, und wieder kam ich bei Deinem Fortgehen auf mein Angebot, mit der Bemerkung, die Du auch behalten hast, daß es für junge Leute kein Pläsier ist, mit alten Tanten auszugehen. Da wurdest Du lebhaft und griffest den Vorschlag auf, sodaß für "morgen, den 31. VIII." ein Unternehmen verabredet wurde. Vermutlich holtest Du mich ab, und wir gingen über die neue Brücke, vom Philosophenweg links ab einen Weinbergsweg unter der Ruine des Klosters vorbei zum Zollstock. Nach dem sehr heißen Aufstieg gab es auf der Höhe mitgebrachte Aprikosen, und am Zollstock Wasser aus dem Papierbecher. Dann fingst Du an zu erzählen von Deinen pädagogischen Interessen; weiter auf dem Wege
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| bei den einsamen Kiefern sprachst Du von Deinen Differenzen mit Dilthey, und der Arbeit über F. H. Jakobi Jacobi, die Dich zu Paulsen getrieben hatte. Dann kam die Rede auf Weltanschauung im allgemeinen, und Du charakterisiertest mit zwei knappen Sätzen: Goethe würde sagen ... und Jacobi würde sagen ... – Ich bekannte mich zur Naturphilosophie, obgleich ich damals gar nicht wußte, was das eigentlich ist, und nur eine eigne Philosophie, auf dem Boden naturwissenschaftlicher Kenntnisse erwachsen, besaß. Besonders eiferte ich gegen Kant und die These von dem Weltbild als unsrer "Vorstellung". Oben, kurz vor dem Abstieg nach Wilhelmsfeld saßen wir mal am Waldesrand, wo wir auch die Häherfeder fanden, und als Du mir von dem Abhang herunter halfest, begegneten sich unsere Augen wie in einer plötzlichen Offenbarung. Das war nur ein Moment und rasch ging es weiter, das viel gewundene Tal hinunter nach Schrießheim. Einzukehren waren wir hier nie gewohnt, es war auch inzwischen Abend geworden und der Mond kam herauf. Du zitiertest: "Füllest wieder Busch und Tal", und es war eine feine, abendliche Stille. Umso störender empfand ich in Schriefsheim den Jahrmarktstrubel, während Du dafür den Osterspaziergang im Faust als Vergleich anwendetest. Von der Rückfahrt in der Bahn und wo wir uns trennten, weiß ich nichts mehr, aber ich bekam dann eine Karte aus Schwetzingen-Ketsch und einen Abschiedsbesuch. Als Du fortgingst, warst Du auffallend bewegt und auch mich ergriff es seltsam. –
Der Vorstand sagte mir später einmal, ich hätte gegen sie geäußert: Ich weiß es wohl, daß dieser Mensch mein Schicksal ist. –  – Innerlich bewegt, durch diese Eindrücke malte ich am Schloß die kleine Abendskizze vom Tal und Fluß und Brücke, die ich Dir dann schickte, wohl zusammen mit dem Fahrgeld, das ich schuldig geblieben war. Und dann kam Dein erster Brief, dessen Einstellung mir viel zu denken gab und mit dem sich mir eine neue Seite des Lebens auftat.

11.III. Im Begriff, zur Stadt zu fahren, nur rasch noch viele herzliche Grüße! Was wird mir Dein nächster Brief für eine Nachricht bringen? Wird Dich dieser in Dahlem erreichen? An Susanne schreibe ich bald. Sage ihr nochmals vorläufig vielen Dank. Klinikarbeit ist zu meiner Erleichterung fertig. Jetzt ist nur noch bei Dr. Kokott zu tun. Froh bin ich, daß die Temperatur nicht mehr unter 0° geht. Aber es ist häßlich naßkalt. – Umso wärmere Grüße im steten Gedenken von
Deiner
Käthe.
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|<vermutl. Beilage zu einem gleichzeitig versandten Päckchen>
Mit herzlichsten Grüßen nur eine Kleinigkeit zum Knabbern. Brief geht gesondert.
D. K.