Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24./26. März 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24.III.1946.

No. 14. –
erhalten No 13. vom 4.III
eingetr. 20.III.
Mein geliebter Freund!
Diesmal war die Pause etwas länger, denn ich hoffte immer auf eine Nachricht von Dir mit der definitiven Entscheidung. Nun kam wohl Dein lieber Brief, aber die Ungewißheit dauert noch an. Ich hoffe sehr, daß sie inzwischen zuende kam, aber es wird noch dauern, bis das auch für mich der Fall ist. Ob wohl unterdessen mein Päckchen (eingeschrieben) von der letzten Februarwoche bei Dir ankam? Es war doch eine alte Gewohnheit, daß ich Dir um diese Zeit was Selbstgebackenes schickte! Armselig genug ist es diesmal.
Heute las ich in der Zeitung, daß Delekat in der Stadt (Christuskirche) gepredigt hat. Wenn ich es gestern erfahren hätte, wäre ich vielleicht hingegangen. In der Wohnung suchte ich ihn einmal vergeblich; er war ausgegangen. Und ich komme selten in die Stadtgegend. Aber in der Altstadt, in einer der Gassen bei der Heiliggeistkirche habe ich am Donnerstag mit Frl Heraucourt Fische "erstanden" von morgens 8 Uhr bis 1. Dafür bekamen wir auch pro Person 900 gr. Ich habe so etwas von "Schlangestehen" noch nicht erlebt; aber ich habe es gut "überstanden". Da siehst Du, wie völlig erholt ich bin. Könnte man das doch
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| auch von Dir sagen! Wie sehr wünschte ich, daß dazu nun endlich Ddie Bedingungen vorhanden wären.
Auch bei uns hat der Frühling noch nicht das Regiment behalten. Aber die Natur entfaltet sich zusehends, und die Vögel singen mit Inbrunst. Dr. M. will nun morgen auf die Reise gehen. Er hat mir neulich den Namen der fraglichen Stadt abgerungen, weil er durchaus irgendwie zu Dir gelangen möchte. Es quält mich jetzt, daß ich mich in die Enge treiben ließ, aber ich wurde überrumpelt. Sonst geht alles bei mir still weiter. Bei Herrn v. Schoepffer eine erträgliche Zeit, bei Herancourts gemütliches Zusammensein in der Küche bei der Handarbeit. Sonst nur wie immer: Einkaufen, kochen, essen, schlafen. Die Arbeit bei Dr. Kokott scheint eine Pleite. Die Künstlerin hatte mit der einen Sitzung genug und die Arbeit bleibt unfertig. – Von meiner Schwester kam eine beruhigende Karte. Sie scheinen in der Wohnung von Hilde's Schwiegereltern unbehelligt zu existieren und er zu praktizieren. Demnach ist man wohl bei Euch weniger riguros. Und was hat uns das "Antisein" genutzt?! –  – Wann sollte der Chinesenvortrag sein? Ist nicht die Kundgebung zum Frieden von Chiang-Kai-shek schön? Er ist der Einzige, der auch von Pflichten des Siegers für den Frieden spricht. Allerdings scheint er es nötig zu haben, sein Volk zusammen zu halten.

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Dienstag. 26.III.1946.
Gestern war ich abends so müde, daß ich nicht schreiben konnte, und heute habe ich nun gleich einen weiteren lieben Brief von Dir, No 14 vom 16. März. Habe Dank! Aber wieder suchte ich vergeblich gleich nach der erwarteten Entscheidung. Du fühlst wohl, wie intensiv ich dies Warten miterlebe! –
Gestern kam auch schon das Büchlein zurück, das einen so eigentümlichen Zauber für mich hat. Ich werde Susanne noch besonders danken. – Wenn Du nun so viele Angebote hast, dann wäre es doch wohl unvorsichtig, sich auf dies eine festzulegen, wenn es damit einfach nicht vorwärtsgehen will. Ich wußte das gleich, daß Du so denken würdest, aber eigentlich darf man wohl heute nicht übergewissenhaft sein. Ich wäre glücklich, wenn Heuß hier etwas vermöchte. Denn, wie es heißt, ist der Sokratesmann H. leidend und hat gesagt, er habe nur übernommen zu lesen, damit die Professur nicht unbesetzt blieb!! Ein neues Licht auf die Situation, die man ja von Anfang an richtig beurteilte! Ich kann nur wieder sagen, jenes andere H. ist mir des Klima's wegen gar nicht erwünscht.
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| Auch die Gegend von Horb wäre mir lieber, und rein objektiv Gö. – Ich hoffe in meiner auf Vorbestimmung eingestellten Seele, daß sich nun bald eine Situation einstellt, die Dich zum Entschluß drängt. – Diese Frühlingszeit macht alle Menschen schlapp, und ich verstehe, daß Du eine Belebung von außen brauchst. Du wirst an meinen Briefen merken, daß ich sie auch sehr gründlich nötig hätte. Statt dessen verbrauche ich alle Kraft für die bloße Existenz. Heute z. B. habe ich kurzentschlossen den Boden in der Küche gescheuert, weil Fr. Kühn ihn derart einschmutzen ließ, daß ich es nicht mehr ansehen konnte. Zudem kommen wahrscheinlich Rösel Hecht und Gertrud Kohler morgen zu mir und da müßte ich mich ja schämen; Solch Besuch ist immer noch möglich, solange Vorräte da sind. Ich habe noch eine geschenkte Kilodose Mischgemüse, dazu Kartoffeln und Haferküchel (statt Fleisch) hinterher ein Pudding. – Ich bin bei beiden Freundinnen so oft bewirtet worden, daß das nur eine schwache Wiedervergeltung ist. –
Für heute will ich mit dieser Prosa schließen, damit der Brief endlich fortkommt. Ich hoffe, bald wieder eine ruhige Stunde zu einem "richtigen" Brief zu haben, denn ich möchte Dir so gern noch manches Liebe schreiben. Vielleicht dringt es auch ohne Worte zu Dir! Viele Grüße Euch beiden.
Deine Käthe.