Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. April 1946 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 1. April 1946.

No 15.
erhalten No. 14
am 26.III.
Mein geliebtes Herz,
nun ist doch wieder der Sonntag vergangen, ohne daß ich Dir schrieb! Die Zeit läuft garzu schnell, mit den Jahren immer schneller und besonders in der Einförmigkeit, bei der man so garnichts Gutes zu erwarten hat! Denn das, worauf ich so sehnlich warte, will durchaus nicht kommen. Auch finde ich es so schwierig, das rechte Gefühl eines regelmäßigen Briefwechsel zu erhalten bei der lückenhaften Zustellung. – Ich will versuchen zu erzählen, wenn ich auch eigentlich gar nichts zu berichten habe, als daß wir einen Frühling haben, wie er schöner nicht sein kann. Darum bin ich auch gestern mit Frl. Seidel von HandschuhsheimDossenheimSchriesheim gegangen, wenn auch die Kirschblüte noch nicht offen ist. Aber Mandeln und Aprikosen sind auf der Höhe, Anemonen, Himmelschlüssel und Veilchen locken zum Pflücken. Auch einen Busch Schlehenblüten, zart wie Schnee, habe ich mir aus der Nähe geholt. Wenn ich ihn doch in Dein Zimmer stellen könnte!
Daß das More-Büchlein ankam, schrieb ich schon. Ich hatte Sehnsucht danach, und habe es gleich von neuem mit dem gleichen Gefesseltsein wieder gelesen wie damals und habe alles von neuem
[2]
| erlebt. Mag sein, daß man objektiv kritisch allerlei aussetzen könnte, ich brauche das ja nicht zu wissen. Und mit innigem Gefühl fand ich Deine beiden Häkchen. Es blieb uns damals das tragische Ende erspart, vielleicht auf Grund von Susannes rastlosen Bemühungen, aber Du wirst begreifen, warum ich damals alles doppelt mit zitterndem Herzen mitfühlte. Wie schön ist diese friedliche Welt hoher Kultur gezeichnet, wie liebevoll die einzelnen Menschen, und dann dieser Absturz! –  –
In die Landfriedsstraße zu Delekat bin ich noch nicht wieder gekommen, auch gestern abend nicht zu dem Vortrag von Carossa. Übrigens sind bei uns jetzt die Sperrstunden aufgehoben, die für mich ein wesentliches Hindernis für abendliche Ausgänge waren. Im ganzen aber bin ich überhaupt garnicht unternehmend. Ja, wenn ich zu einem Vortrag von Dir gehen könnte, dann wärs etwas Anderes! Aber diese Teilnahme in der Ferne, die sich lediglich auf die Titel erstreckt, ist recht – enthaltsam.
Mit Freude höre ich, daß Deine Bücher nun doch im Wesentlichen erhalten sind. Hoffentlich sind sie nun wieder bei Dir! Und ob die erwartete Nachricht aus H. nun auch endlich da ist? – Dr. Drechsler hat, wie mir die Schwester erzählte, vom Minister den Auftrag, einen Plan für – einjährige Lehrerausbildung zu entwerfen. Der macht also noch fixer!
[3]
|
Eine Frau Prof. Baethgen habe ich vor Jahrzehnten mal bei meiner damaligen Wirtin, Frau Herber, bei einem Damenkaffee getroffen. Ich weiß, sie wohnt hier in der von der Tannstraße, aber wir haben uns nicht mehr begrüßt. Ist da nicht auch eine Tochter, die Musiklehrerin war, aber schwer rheumatisch, gehbehindert? Ich sah sie seit langem nicht mehr auf der Straße.
Mich dagegen kann man leider viel auf der Straße sehen, teils zum Einkaufen, teils zum Beruf gehend. Auch Kokott hat die Künstlerin wieder zu einer Sitzung gewonnen, und ich habe mich mit ihr plagen müssen. Ich finde dies doch recht anstrengend, weiß nicht, liegt es an meinem Alter oder wird das noch mal wieder besser?
Heute kam ein Brief von Lucie Ruge, der Frau von Günther. Sie hatte über hier zu ihrem Vater nach Marburg übersiedeln wollen, ist aber infolge einer Diphterie mit Herzmuskelentzündung geplagt, und will deshalb auf den Abstecher verzichten. Ich hätte sie gern mal bei mir gehabt! – Zum Abendessen waren vorigen Mittwoch Rösel und Gertrud K. bei mir. Es war "gut und reichlich und nicht zu fett", und sehr gemütlich. – Gestern [über der Zeile] Heute gab es
[4]
| unvermutet schon wieder Fisch, (auf 50 gr Fleischmarken 300 gr.), das ist doch ergiebiger als das Häppchen Fleisch. Nächster Tage, besonders wenn es mal regnen sollte, was ja bei der Wärme nicht ausgeschlossen ist, werden die Brennesseln groß genug sein, um ein Gemüse zu geben. Ich weiß sehr lohnende Plätze! Es ist ebenso fein, wenn nicht besser als Spinat. Da gehe ich mit Lederhandschuhen und einer groben Schere bewaffnet los.
Jetzt hätte ich eigentlich so notwendig Strümpfe stopfen sollen! Aber statt dessen spinne ich an dem dürftigen Faden der Mitteilung und möchte doch so gern mal wieder einen wirklichen Brief schreiben! Hast Du den mit meinen Erinnerungen an 1903 erhalten? Ich bin Dir immer noch das Eingehen auf die Deine schuldig. Da hätte ich allerlei zu bemerken.
Für heut aber Schluß, mit der Versicherung daß es mir gut geht, daß ich satt zu essen habe, gut schlafe, und daß niemand nach meiner Wohnung fragte! – Ruges wohnen jetzt Friedenau, Beckerstr. [über der Zeile] 11 welcher Sektor ist das? – Daß Du zu Anna Weise gehen willst, danke ich Dir innig. Und nun sei vielmals gegrüßt mit treuen Wünschen in ständigem Gedenken von
Deiner Käthe.

[li. Rand] An Susanne noch besondere Grüße, und auch an Ida.