Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. April 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. April 1946

No 16.
erhalten nichts seit dem 26.III, (No 14 vom 16.III.)
aber eine Karte von Susanne am 3.IV (25.III.)
Mein liebster Freund,
nun ist wieder Sonntag geworden, und welch wunderbarer Sonnentag! Aber eine Nachricht hat mir die Woche nicht gebracht! Daß Susanne schrieb, empfand ich als einen Akt des Wohltuns, aber nach gemachten Erfahrungen ist mir ihr stellvertretendes Schreiben etwas unheimlich. Hoffentlich ohne Grund, denn ich denke doch, daß man ähnliche Dinge nicht noch einmal erleben wird in Anbetracht des sauberen Certifikates! Aber man ist heutzutage schreckhaft geworden.
Die Baumblüte ist, wie man meint, so schön wie noch nie. Aber diesmal liegt doch ein besonders schlimmer Winter hinter uns und man hat die Sonne so lang entbehrt. – Seit dem Weg nach Schriesheim vor acht Tagen begnügte ich mich mit einem kurzen Blütenweg in Handschuhsheim und – dem Ausblick vor meinem Fenster. Es sind überall Patienten zu besuchen; Herr v. Schoepffer hat eine recht schlechte Woche hinter sich, die Frau ist trotz des schwachen Herzens noch immer aufrecht. Dagegen geht es bei Drechsler zunehmend schlechter. – Eine wohltuende Frische ist im Haus Buttmi. Die Älteste, Maria kommt alle Woche von Karlsruhe, wo sie auf der techn. Hochschule Innen-Architektur studiert. Die Zweite besucht hier das Mädchen Real-Gymnasium unter
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| dem sehr beliebten Direktor Durand, und die Mutter ist wieder Volksschullehrerin (in Kirchheim) und besorgt daneben noch den Haushalt, was keine Kleinigkeit ist. Sie ist so mit ganzer Seele Lehrerin, sodaß sie in der Schule alles andre abschüttelt; und sie hat offenbar ihre zwei Klassen gut im Schwung. Es wird da heute nicht viel reglementiert, und sie versteht es offenbar sehr mit den Kindern.
Sonst hört man leider nicht viel Gutes. Einen Brief von Anna Weise bekam ich, der mich sehr erschütterte; es scheint mir wie ein Wunder, daß sie bei der Ernährung überhaupt existieren kann. Dagegen leben wir hier lukullisch. Sie hat auch ihre Garderobe in Breslau ganz verloren und lebt seit einem Jahr nur mit dem Inhalt eines Handkoffers. Wenn man denkt, wie elegant sie sonst war! Und dabei klagt sie nicht, sie berichtet nur. – Mädi schreibt aus Oeynhausen; sie hat mit Mann und den zwei Buben ein Zimmer im Nachbarhaus der Schwiegereltern, wo sie schlafen und wo er tagsüber arbeitet. Er hat viel Aquarelle verkauft, möchte aber wieder Lehrer werden. Auch Porträt-Aufträge hatte er, und für einen Verlag ein Bilderbuch gemacht. So haben sie wenigstens keine Geldsorgen. Aber sie sehnen sich natürlich nach einem eigenen Hausstand.
Überall ist das Leben nur ein Hinhalten, ein Notbehelf, ein Abwarten. – Kennst Du die Rede von
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| Wiechert an die Deutschen Studenten 1945? Ich habe sie soeben von Frl. Heraucourt geliehen und habe allerlei daran auszusetzen. Vor allem mag wohl die starke rhetorische Übertreibung beim Vortrag natürlicher gewirkt haben als beim Lesen. Es will mir scheinen, als wäre es nicht notwendig, den gestürzten Unterdrücker noch so gehässig zu beschimpfen. Er findet in seiner Leidenschaft gar nicht Worte genug für den Ausdruck seinens Grimmes über die Schuldigen und die Mitläufer. Aber das letzte Drittel der Rede kehrte zu maßvoller Tonart zurück und sprach mich sehr an.
Und wann werde ich einmal eine ruhige Stunde haben, nach Herzenslust zu schreiben? Immer bin ich abends so müde, und tagsüber ist lauter langweilige Arbeit, wobei "Essen und Trinken und womit werden wir uns kleiden" – die Hauptrolle spielen. Der Frühling und das helle Licht sind so früh und überraschend gekommen, und da ist nun viel zu waschen und zu nähen, auszubessern und zu ändern. – Auch das Großreinemachen steht bevor, und ich bin nur froh, daß ich wieder so leidlich bei Kräften bin. Da eine neue Reklamation meiner Wohnung nicht stattfand, habe ich auch den Mut dazu. Die 8. Armee ist eingerückt und nun wohl untergebracht. Das Hauptquartier ist wie vorher in der Kaserne da vor meinen Augen, nachts strahlend
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| beleuchtet. Am Tage mit einem unaufhörlichen Autoverkehr, zu bestimmten Tagesstunden von einem Polizisten fortwährend geregelt. –
Meinen geliehenen Ofen habe ich jetzt beiseit gerückt und an das Rohr wieder das Sparöfchen angeschlossen. Denn man wird viel auf Holzfeuer kochen müssen bei dem geringen Maß an Gas und Strom, das uns erlaubt ist: [über der Zeile] im Monat 17,39 cbm und 16,5 KWh!! Wer soll damit auskommen, nochdazu bei der Sperrzeit, die einen nötigt abends zu kochen und am nächsten Tag zu wärmen? Auch unsere Kalorien sind beträchtlich herabgesetzt, vor allem heißt es, mit dem Brot zu sparen. Aber da wir [über der Zeile] eben so gute frische Butter haben, wird aus dem Sparen zunächst noch nichts!
Da wäre ich also glücklich wieder beim Essen angelangt! Aber denke nicht, mein liebes Herz, ich wäre immerfort mit meinen Gedanken nur dabei. Es erfordert nur ein häufiges Aufpassen und Sorgen. Morgen denke ich wieder Fisch zu bekommen, dazu den Brennesselspinat und Kartoffeln. – direkt vornehm, nicht wahr? Aber 5 Stunden stehe ich nicht wieder dafür, dann lieber keinen.
Den ganzen Tag liegt mir oft irgend ein Vers oder Zitat im Sinn, so heute: "Ein getreues Herze wissen, hat des höchsten Schatzes Preis" – und damit tröste ich mich in all diesen nicht endenden Sorgen und Bedrückungen.

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8. April 1946
Gestern war es garzu spät geworden und heut am Tage fand sich keine ruhige Stunde. Und nun am Abend ist mein Kopf wieder so leer innen, wie er außen nun auch geworden ist. Den Rest der Haare drehe ich etwa am Wirbel zusammen mit einer Haarnadel und darunter ein Seitenkämmchen, das ist die ganze Frisur. Es ist ein kümmerlicher Anblick, wie die ganze Person! Aber mehr Kummer macht mir der Gedankenschwund. Es wird mir so schwer, mich zu einer brieflichen Mitteilung zu sammeln. Was sich mir in stillen Stunden, etwa nachts, zusammenhängend gestaltet, ist bald wieder wie fortgewischt; ich quäle mich viel mit den Gedanken über die Bedeutung des heutigen Schicksals. Ich grüble auch über die Schuldfrage, die ich nicht in dem jetzt üblichen Maße empfinden kann. Man vergißt doch meist, in welchem Zustand damals Deutschland nach dem verlorenen Krieg war und wie auch, ganz abgesehen von dem Versailler Vertrag! – die innere Lage war: das Straßenbild der Volksmassen, die von "Stempelgeld" lebten und abends Krawalle machten, die Kämpfe von Rotfront und Stahlhelm etc. die Siefertzeit! Da war Verlangen nach einem, der Ordnung schaffte. Und mit der Macht dieser angeblichen Ordnung war uns ganz unversehends
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| ein Netz über den Kopf gezogen, aus dem es keine Befreiung mehr gab. Jede nur denkbare Quelle eines Widerstandes war im voraus abgegraben, und alles so leise und heimlich, wie eine still fressende Krankheit. Es gab nur eine schweigende Opposition oder – die Vernichtung. Das Opfer des Einzelnen war zwecklos, und es wurde vor keinem Kulturwert haltgemacht. Es war ein Segen, wenn solche Werte behutsam geschützt und weiter getragen werden konnten. – Ist Deutschland überhaupt nicht mehr fähig, sich zu sammeln? Ist es durch die Enttäuschungen durch falsche Ideale irre geworden an der Möglichkeit einer Besserung? – Die Kameradschaft, die Wiecherts großes Erlebnis im K.Z. wurde, lernen unsere Gefangenen jetzt in den feindlichen Lagern kennen. Man hört mehr als einmal sagen von Heimgekehrten, sie möchten diese wertvolle Zeit nicht missen in ihrem Leben. – Ich mußte dabei auch an Theo denken. Es gibt in allen Lebenskreisen "barmherzige Samariter" und – andere! Es ist nicht notwendig daraus eine Umwertung der sozialen Schichten zu machen. –  – Wir hören jetzt, daß Buttmi, Otto Kohler und noch ein Lehrer aus Leimen in einem Lager sind. Das gibt doch Hoffnung, daß sie für die Entlassung vorbereitet werden. –
Doch nun muß ich mit diesem inhaltslosen Plaudern aufhören und nur noch um Nachsicht dafür bitten! Im Schlafen und Wachen mit den innersten Gedanken nur bei Dir. Was wird das Schicksal Dir für eine Aufgabe stellen? Möchte sie recht nach Deinem Sinne sein!
<li. Rand>
Grüße Susanne herzlich und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner Käthe.