Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. April 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16.IV.1946.

No 17.
erhalten am 15.IV. von M.
Dein Bild.
Mein liebstes Herz!
Mir scheint es wie mindestens ein Vierteljahr, daß ich keinen Brief von Dir bekam, und doch sehe ich am Datum, daß es "nur" drei Wochen sind. Geschrieben freilich war der letzte schon 10 Tage früher! Aber nun hat mir ja Matussek von Dir erzählt und wird es am Donnerstag noch ausführlicher tun. Ich fing schon an, ernstlich bedrückt zu werden, hatte quälende Träume, sogar mit Trähnen, die ich im wachen Zustand nicht mehr kenne, auch bei den schmerzvollsten Eindrücken. Wie aber oft gerade im geeigneten Moment irgend etwas Helfendes kommt, so hatte ich ganz unerwartet eine Begegnung mit Dir – in der "Sammlung". So habe ich nun also kurz nacheinander zwei Bilder von Dir: das äußere, das mich durch die Spuren vieler Leiden erschreckt, und das innere, das mich durch seinen unveränderten geistigen Reichtum beglückt. Ob Du mich ebenso stark verändert finden würdest wie ich Dein Bild, kann ich nicht sagen. Vor einem halben Jahr bestimmt, aber jetzt habe ich mich derart renoviert, daß es allgemein auffällt. – Habe vielen Dank, daß
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| Du mir das Bild schicktest! Wenn es sicher gewesen wäre, daß M. wirklich hinkommt, daß er auch unterwegs nicht abgefaßt wird, dann hätte ich ihm so brennend gern allerlei für Dich mitgegeben. Aber Du hältst mich auch so im Ungewissen über die Möglichkeiten der nächsten Zukunft, vielleicht aus der gleichen Vorsicht, die mich am rückhaltlosen Schreiben hindert, daß ich immer zögere, etwas zu schicken, ehe ich eine bestimmte Anschrift für längere Dauer habe. Denn es ist, wie Du auch schriebst, immer alles "das Letzte", und man möchte gern, daß es in die richtigen Hände kommt.
M. ist ganz begeistert von den Besuchen bei Dir. Es war dies ja auch der Hauptzweck seiner Reise. Und ich beneide ihn. Was wäre es mir wert, wenn ich Dich nur mal wieder eine Stunde sehen könnte! Wann und von wem ist das Bild aufgenommen? Es ist vielleicht gut, aber mir scheint, als habe der Apparat zu nahe gestanden und dadurch etwas Falsches in den Gesamteindruck gebracht.
Dagegen ist das ganze Erleben, das hinter dem "Stirb und werde" steht, restlos meinem Gefühl zugänglich. Auch da, wo Du von unsrer Schuld als Volk sprichst. Es ist viel, was neu und anders werden muß, aber nicht das,was uns der Feind
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| jetzt vorwirft. Und ganz besonders sprichst Du mir aus der Seele mit dem Verweisen des Neuwerdens an jeden Einzelnen, der in seinem Kreise wirken soll. Wir Gegner der verflossenen Epoche haben die Höllenfahrt der Erkenntnis durch zwölf Jahre erlebt, haben die Schwächen des eignen Volkscharakters bitter erfahren und erleben sie noch in dem gemeinen Denunziantentum und Strebergeist, und noch so manchem verächtlichen Geschehen –  – aber wir können ja gar nicht anders, als daran glauben, daß unter all dem Wust doch ein guter Kern in unserem Volke steckt und daß auch wir bestimmt und verpflichtet sind, ihm zu neuem Leben zu helfen. Das walte Gott! Und daran ist Dir eine große Aufgabe beschieden, daran wirkst Du, auch wenn Du im Augenblick keinen speziellen Berufsauftrag hast. Die Stärke Deiner persönlichen Wirkung ist mir so recht bewußt an dem ersten Eindruck, den ich 1903 von Dir hatte. Es waren ja in den Jahren damals viel Gleichaltrige aus der Familie hier durchgekommen, aber bei Dir fühlte ich eine ganz ungewöhnliche Weite und Reife in Geist und Urteil, die mich erstaunte, und zu alledem kam dann bei längerer Bekanntschaft der Blick in die Reinheit und Tiefe Deiner Gesinnung. Das alles wirkt, ob Du es weißt und bewußt willst oder nicht.
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| Und in solchem Glauben wollen wir leben und standhalten.
Draußen ist ein starkes Gewitter mit mächtigen Blitzen herunter gekommen und hat die durstige Erde erquickt. Ist es denn bei Euch auch schon so sommerlich? Die Obstblüte hat ihren Höhepunkt schon überschritten, nur die Äpfel stehen noch aus. Heute ging ich mit Hanne Hecht und ihrer Freundin über den Berg einen wunderschönen Weg, teils mit freiem Blick über die Ebene, teils durch den maigrünen Wald mit den seidenen Buchenblättchen, nach Leimen. Du weißt, am Gossenbrunnen hinunter. Es war herrlich und erholend. Denn etwas Erholung habe ich gerade nötig, teils seelisch, wobei mir eben so viel Unterstützung zuteil wird!, teils körperlich bei einer Augenentzündung, die ich nun behandeln lasse, da die Schmerzen sich zu sehr gesteigert hatten. Das hatte mich auch am Schreiben schon öfters gehindert, und ich war froh, daß die Zeichnerei eine Pause hatte. Dr. Cibis darf wieder arzten. Die Verordnung lege ich bei. –
So höre ich mal wieder auf, und habe doch im Grunde nichts von allem geschrieben, was mir das Herz bewegt. Mit innigen Ostergedanken grüße ich Dich und hoffe, daß die Sonne Dir immer neue Zuversicht und Kraft schenkt. Auch an Susanne viele herzliche Grüße, sowie an Ida meinen Gruß. Wenn meine Augen es wieder erlauben, schreibe ich Susanne selbst./– 1. Ep. Joh. V.4. – In Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Ich will versuchen, ob der Brief eingeschrieben noch zum Sonntag ankommt!