Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./25. April 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. April 1946
Ostern!

No. 18.
Zuletzt erhalten:
No 14. vom 16.III. am 26.III.46.
Mein geliebter Freund!
In den Ostertagen waren meine Gedanken besonders bei allem Schönen der gemeinsamen Vergangenheit – dieses unvergängliche Leben ist ja auch eine Form der Auferstehung. Mit Deinem Weihnachtsgeschenk habe ich mich wieder beschäftigt und erneut die Anregungen verfolgt, die Du damit anklingen läßt. Es ist so seltsam, den Eindruck geschildert zu bekommen, den man auf einen Unbekannten gemacht hat! Aber natürlich ist ja nur teilweise dieser erste Eindruck noch vorstellbar. Was Du von meiner Gesamtverfassung sagst, ist durch Späteres ergänzt. Und von dem blitzartigen Moment oberhalb des Schriesheimer Hofes, wo wir am Waldesrand eine kurze Rast hielten, hast Du den entscheidenden Eindruck offenbar nicht gehabt. Wir fanden doch die schöne Häherfeder, die uns zum bleibenden Symbol wurde, Du halfest mir den kleinen Abhang hinunter und im Aufblicken begegnete ich Deinem ganz offnen und zwingendem Blick. – So war es noch einmal dann in Potsdam [über der Zeile] 1906 als wir in dem Restaurant nahe am Bahnhof beide eigentlich andre Verpflichtungen im Stich ließen.
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| Aber das wissen wir nun beide im Rückblick, daß wir jeder an einem kritischen Wendepunkt des Lebens standen und gerade im andern das finden durften, was uns zu neuem Leben verhalf. War es nur das fördernde Aussprechen? Ach nein, es war viel, viel mehr. Das hast Du ja wundervoll in Worte gefaßt in der Reisebeschreibung 1904/5. – Später haben wir uns in manchem ergänzt und angeglichen, nur in Bezug auf Kunst empfand ich immer eine bewußte Ablehnung. Und doch hättest Du von mir durchaus keine theoretische Schablone zu befürchten brauchen, denn ich hatte ja selbst kein "Kunstverständnis", sondern ich war damals nur technisch interessiert und im übrigen nur fähig, was in der jeweiligen Altersstufe zu mir spricht, aufzunehmen. So geht es mir ja überhaupt. Ein einzelner Ausspruch kann bei mir plötzlich eine neue Sicht in vielerlei Beziehung öffnen.
Vermutlich hast Du mich meines Alters wegen für viel fertiger gehalten, als ich war. Denn mein Interesse für die Naturwissenschaften war ja nicht eine Annahme der mechanischen Erklärung, sondern ein Suchen nach einem Sinn. Gerade damals war in mir das bewußte Verlangen nach einem Menschen, der mir wieder Wissen und Religion zum Einklang brächte. Zunächst trat aber dies alles zurück vor der Auseinandersetzung unsrer Standpunkte.
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| Aber von der Natur und ihren Wundern, ihrem Geist, ging ich aus und wollte darauf weiter bauen, aufwärts zum geistigen Menschen. Ist da ein Bruch notwendig? Ich habe ihn als solchen nicht empfunden, sondern eigentlich nur zuzeiten ein neues Wachstum; ein Umgestalten des Bisherigen. – Die Natureinflüsse waren zunächst von meinem Vater gekommen, der mich auf gemeinsamen Wegen auf Vieles aufmerksam machte. Aber mit Virchow hatten wir nichts zu tun, er spielte absolut keine Rolle bei uns und genoß den Ruf großer Unliebenswürdigkeit. Nur war seine Frau, eine sehr stille, sanfte Frau, eine Cousine meiner Mutter. Befreundet waren wir nur mit Schwalbes, die beiden Väter sowohl, wie Ernst und ich. Mit der Tochter konnte ich in nähere Beziehung nicht kommen. Aber Ernst war mein Jugendfreund und das bewährte sich besonders während der Jahre seines hiesigen Aufenthaltes. Durch ihn hatte ich fortdauernd Berührung mit den neuesten Fortschritten der Naturforschung. Auch er war ausgeprägt religiös, aber er lehnte ebenso wie ich, die "fertige Religion", das Dogma ab, das mir später in vielem zum Sinnbild wurde –  – durch Dich!
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Eben versinkt im Westen die rote Sonnenscheibe hinter den Pfälzer Bergen wie ein Goldstück im Spalt der Sparkasse. Wir werden leider keine Zeit der Goldstücke wieder erleben. Aber die Sonne geht getreu ihren Weg und bringt uns nun wieder helle und warme Tage. –  – Hast Du denn jetzt überhaupt Zeit und Gedanken für solchen Plauderbrief von mir? Es ist so schwer, das Gefühl eines brieflichen Kontakt zu bekommen, bei der Unberechenbarkeit der Beförderung. Wann werden diese Zeilen eintreffen, wie werden sie Dich antreffen? Der Bericht von Matussek war so eingehend nicht, wie ich gehofft hatte. Er war mit seinen Gedanken an dem Tage sehr bei der Nachricht, daß sein Bruder, der im Begriff stand zu heiraten, an einer Lungentuberkulose krank sei. Das beschäftigte ihn natürlich sehr. – Über Dich konnte er nur berichten, was ich wußte und worunter ich mit Dir leide: die Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeit der Übersiedelung. Neu war mir der Umstand, wie Du mit Klavierspiel die Übergriffe russischer Plünderung verhüten konntest. – Er meinte auch, es habe Dich gewundert, warum ich mich für die Erhaltung meiner Wohnung nicht an Deine Vermittlung gewendet habe? – Aber diese Dinge spielen sich
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| immer an Ort und Stelle und ganz schnell ab. Auch Radbruch könnte mir da schwerlich helfen. Das Heidelberger Wohnungsamt ist mir durch den Vorstand zugänglich, den ich persönlich kenne und der mir wohl kaum Schaden tun wird. Die Amerikaner sind anonym und keine Behörde ist zugänglich. Aber da schützt mich die Enge meiner Wohnung, und vielleicht auch mein Alter.

Am 25. – Allerlei Unruhe hinderte mich am Weiterschreiben, was ich so gern wollte. Aber jetzt kann ich mit innigem Dank gleich die Ankunft von 2 Briefen melden:
Am 24.IV. No. 15 vom   1. April
  "   25.IV. No  16    "   13.    "
Es ist eine schauderhafte Bummelei. —
Heut ist die Bestattung von Traudel Kohler. Sie ist an einem Herzschlag gestorben. Du weißt, daß sie schon schwer leidend war, aber jetzt ist es natürlich ein schmerzlicher Abschied für die Mutter. Ich schwankte, ob ich die Fahrt dorthin wagen sollte, aber ich hatte doch nicht den Mut, denn durch die fehlende Brücke in Neckargemünd heißt es zweimal umsteigen. – – Ich schicke jetzt dies fort und hoffe bald wieder zu schreiben. Heut nur noch Dank und Grüße und innige Wünsche für Dich und Susanne. – Ein eingeschr. Brief sollte zu Ostern bei Dir <li. Rand> sein, und ein Päckchen mit Lebertran folgte. Ich habe 2x bekommen, also gab ich ab.
<Kopf>
Wie immer
Deine Käthe.