Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Mai 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg, 5. Mai 1946.

No 18. vom 25.IV.
No 19     –            
erhalten No 17. v. 23.IV. am 2. Mai.
Mein geliebtes Herz!
Ich glaube, das war einmal wieder ein Brief "wie in alter Zeit", und ich danke Dir innig. Ebenso für die Drucksache, die mich auf anderem Wege schon erreicht und bewegt hatte. Auf diesem Exemplar hätte ich nur gern noch die gewohnte kleine Grußwidmung gehabt. Das nächstemal!!?
Gleichzeitig mit Deinem lieben Schreiben kam ein Brief von Hermann, direkt per Post von Frederikshavnx [li. Rand] x Dr. H. H. Marinelager Frederikshavn, Dänemark, der am 8.4. geschrieben war. Er klingt recht bedrückt, wenn er auch nichts Schlimmes berichtet. Aber es ist ja nun ein Jahr und darüber, seit sie doch ausharren müssen. – Und wir? Was tun wir Anderes? Sind wir nicht auch innerlich und äußerlich gefesselt? – Wie glücklich macht mich da Dein Bericht über Deine erfolgreiche, stille Arbeit. Die ganze Stimmung dieses lieben Briefes hat mir wohlgetan und neue Zuversicht gegeben. Die nervöse Spannung, die sich mir mitgeteilt hatte, scheint jetzt überwunden und die innere Unabhängigkeit gewachsen. Laß Dir die Gewißheit Deiner Aufgabe im Leben nicht von den äußeren Bedingungen rauben. Du siehst es ja, die Quelle ist unversieglich und die Gedanken strömen Dir zu. Wie sehne ich mich danach, allmälig auch davon zu hören.
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Eigentlich hatte ich längst schon gern wieder geschrieben, aber ich hatte – Logierbesuch! Die Frau von Günther, Lux Ruge, stand am vorigen Sonntag abends unerwartet vor meiner Tür. Wir vertrugen uns sehr gut trotz der großen Enge, denn sie ist praktisch und griff mit zu, und ich freute mich, sie besser kennenzulernen, hatte sie vordem nur ganz kurz gesehen. Sie blieb bis Mittwoch früh auf mein Zureden, und ich hatte auch noch recht viel sonst zuzureden, denn sie ist natürlich sehr in Sorgen und Bedrückung. Jetzt muß sie sich entscheiden, ob sie mit der 8jährigen Helga zum Vater nach Marburg ziehen will und dort eine Existenz gründen oder in Albertshofen bei Kitzingen bleiben, wohin sie von München evakuiert wurde. Beides hat Vor- und Nachteile, vor allem würde es ihr schwer, ihre Selbständigkeit aufzugeben im Familienkreis mit Stiefmutter und jüngerer Schwester beim Vater. Da kann man weiter nicht raten, denn es ist wohl auch nicht das Richtige, wenn das Kind nur auf sie allein angewiesen ist. – Über allem aber lastet die Angst vor den drohenden Folgen der Entnazifizierung, die ja bei ihr nicht unberechtigt ist. Wie zerstörend wirkt das alles auf die ohnehin so belasteten Existenzen, die doch nur aus den besten Absichten einem falschen Ideal vertrauten. –
Als Briefwechsel ging inzwischen ein Päckchen
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| für Dich ab mit Lebertran. Ich bekam so reichlich davon, daß ich mit gutem Gewissen abgeben konnte und noch einmal schicken werde. 2 Päckchen mit Mohrrüben und Erbsen werden wohl leider weniger brauchbar sein, denn die überwinterten Sachen müssen doch ziemlich lange kochen.
Du wirst denken, das sei der Erfolg von dem Eindruck Deines Bildes, das mir die Spuren von Hunger zu zeigen scheine. Das ist aber nicht der Fall, ich weiß wohl, wovon die Spuren sind. Aber ein kleiner Zuschuß in dieser mageren Übergangszeit kann doch nicht schaden. Ich habe hier im Laufe der Zeit einige persönliche Quellen bekommen,: die Gärtnerei der Frau Deetjen und ein Bauernhaus in Kirchheim, wo die allerliebste Tochter Eveline heißt. Da werde ich immer wieder versorgt. – Auch sonst ist die Belieferung noch immer regelmäßig, wenn auch zögernd, sodaß man oft dreimal für eine Sache ins Dorf gehen muß, augenblicklich z. B. für das 1 <alter Pfundzeichen> Spargel!
Auf der Reise zu ihrem Vater war Maria Dorer kurz bei mir, auf der Rückfahrt hat sie wohl nicht Station gemacht. – Delekat war abgereist, als ich endlich noch einmal in dem evangel. Altersheim nachfragte. – Drechsler ist für einige Zeit bei der Mutter hier. Die liebe alte Frau liegt jetzt ganz zu Bett und
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| ist resigniert, nicht mehr tätig sein zu können. Die sehr zarte, eigentlich kranke Tochter versorgt den Hausstand von 4, jetzt 5 Personen: Mutter, sie und zwei erwachsene Kinder der verstorbenen Schwester. Auch bei Schoepffers immer das Gleiche.
Daß Ihr bei Anna Weise vergeblich ward, bedaure ich ganz besonders. Wie leid wird auch ihr das tun. Sie war vermutlich bei der Schwiegertochter, die in der Nähe wohnen soll. –
Was Du von der deutschen politischen Unfähigkeit sagst, unterschreibe ich wörtlich. Wir sind immer so bevormundet gewesen und waren es wohl gern. Auch jetzt warten wir auf jeden Wink "von oben", um uns begierig danach zu richten, und reden dann von Freiheit. –  –
Eine Postkarte aus Kassel meldet, daß die Grabstätte von Großmütterchen und Tante Thes bombengeschädigt ist. Ich werde mal mit Lieschen Schwidtal Verbindung darüber anknüpfen, was man da tun kann. Auch an Walter will ich darüber schreiben; ich bezahlte bisher die Erhaltung, aber nun können die auch mal teilnehmen. – Überall Trümmer – Freudenstadt, Reichenau – nur Heidelberg nicht!
Und auch in uns soll das, was uns jene Stätten bedeuten, nicht untergehen! – Für heute ade!
Bleibe gesund und zuversichtlich und grüße Susanne und Ida. In treuer Liebe
Deine
Käthe.