Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17./19. Mai 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Mai 1946.

No. 20.
erhalten No 17. –
No 18. am 19.V.
Mein geliebter Freund!
Es ist wieder mehr als eine Woche vergangen, ohne daß ich an Dich schreiben konnte, und ich habe Dir doch so viel zu sagen. Die Frühjahrsmüdigkeit macht mich am Abend garzu unfähig, so habe ich mich heute mal recht früh morgens an den Schreibtisch gesetzt und lasse die Arbeit beiseite. Denn eigentlich müßte ich die Zimmer aufräumen und dann schleunigst einkaufen gehen! So bin ich also jetzt um ½ 8 bereits – in einer anderen Welt! Denn Du machst Dir ja keine Vorstellungen, wie arm und äußerlich meine Tage verlaufen, recht im Gegensatz zu dem, was mir am Herzen liegt. In der Stille aber macht sich das Herz unabhängig und beschäftigt sich unausgesetzt mit allem, was Du mir schreibst. –
Von den Begegnungen, die Du erwähnst, kann ich mir keine deutliche Vorstellung machen. Ich hoffe aber, daß Du Dir durch die klare Aussprache mehr Ruhe geschaffen hast. – Sehr verstehe ich aber die Klage über die Verzögerung in der
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| Berufsentscheidung. Es ist die gleiche Methode, der man hier allgemein begegnet. Da ist keine Gewißheit zu erlangen, man wird von Bureau zu Bureau gewiesen, niemand ist zuständig, und es bleibt die Folter des Hinhaltens. Aber überall ist man höflich und scheinbar guten Willens! – Zu den persönlichen Wünschen in Betreff der Entscheidung vermag ich nichts zu sagen. Da kenne ich die näheren Bedingungen zu wenig. Ich kann nur die äußeren Bedenken sehen, wie sie von hier aus erscheinen. Da ist hauptsächlich meine Sorge für Euch bei Tü. die hervorragend schlechte Versorgung und für mich die immer größeren Paßschwierigkeiten an der frz. Grenze. Die Trennung wird überhaupt immer unüberwindlicher.
Und so lebe ich immer fester in – der Mystik der Seele. Ich weiß, daß ich mit meinem Wesenskern Deinen Gedanken folgen werde, auch wenn ich kein sachverständiger Kritiker bin. Ob ein Anderer, etwa ein Kollege oder Freund in Berlin, Dir ein wertvolles Urteil geben könnte, weiß ich nicht. Aber jedenfalls würde es Dir eine Vorstellung geben, wie Deine Darstellung wirkt, wenn auch die Tiefe sich meist nicht beim ersten Lesen enthüllt. Das ist ja gerade ein Zeichen für die Bedeutung Deiner Arbeiten, daß man immer neue "Wahrheit" darin findet, so oft man sie liest.
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| Wie glücklich bin ich über das Gefühl der Sicherheit das trotz aller äußeren Schwierigkeiten aus Deinen lieben Zeilen spricht. Ist es nicht trotz allem eine Gnade des Himmels, daß Du zu solcher Gewißheit ausreifen konntest? Möchtest Du recht fest an diesem Bewußtsein festhalten!

Am 19. Fortsetzung. – So ist es immer. Gestern mußte ich aufhören, um für Frl. Heraucourt einige Besorgungen zu machen. Die Arme ist in erneuten Schwierigkeiten mit der Beschlagnahme. Sie hat sich tapfer gewehrt, so gut es ging und hat die Möbel (den Rest!) sicherstellen können. So weit es möglich war, half ich ihr natürlich und habe auch abends ein gutes Essen für sie gekocht. Vormittags aber kam die Wohnungskommission auch zu mir! Von Beschlagnahme war aber nicht die Rede. Es bleibt aber immer eine gewisse Beunruhigung und ich fuhr gleich nochmals zum Vorstand des Wohnungsamtes, der bei Rösel H. im Hause wohnt, ob ich nicht endlich eine schriftliche Bestätigung meines Wohnrechtes haben könne? Die Frau wills vermitteln. Auf keinen Fall gehe ich raus!!
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Damit der Brief endlich fortkommt, will ich für heute Schluß machen, – leider. Es ist nachmittags Arbeit bei Dr. Kokott, und auch in der Augenklinik ist nächste Woche noch zu tun. Für die Wohnungsfrage ist der Beruf nur günstig.
– Heute nacht habe ich wieder mal sehr lebhaft und schön von Dir geträumt. So will mich der Traum für das Entbehren des Tages entschädigen. Gehört das auch zur Mystik??
Doch ich muß jetzt fort! Viel gute Wünsche gehen zu Dir, und tausend Grüße. An Susanne viel Liebes und Grüße auch an Ida. – Ob Du den Lebertran bekamst, den ich am 11. abschickte?
Bleibe gesund und denke mit mir: sie sollen mich nicht unterkriegen! – Wie immer
Deine
Käthe.