Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Mai 1946 (Heidelberg)


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No 21.
[von fremder Hand] 7.6.45
Heidelberg. 26. Mai 1946.
Mein geliebter Freund!
Der Sonntag soll diesmal nicht vergehen, ohne daß ich wenigstens anfange, an Dich zu schreiben! In meinen Gedanken rede ich unablässig mit Dir und erhalte mir so die Täuschung der unbehinderten Mitteilung, – wenigstens von meiner Seite. Denn die tatsächliche Möglichkeit ist ja mehr theoretisch als wirklich. Der letzte liebe Brief von Dir ist vom 23.IV.! – Ich weiß, daß daran die mangelhafte Beförderung Schuld hat.
Vorigen Freitag [über der Zeile] d. 17. hörte ich einen Vortrag von Niemöller, dem man 2 Stunden lang gern zuhörte. Er hat nun auch mir die Entstehung des offiziellen kirchlichen Schuldbekenntnisses verständlich gemacht, wenn ich auch persönlich nur die Unmöglichkeit anerkenne, daß der einzelne Deutsche die Verbrechen kannte, solange eine Möglichkeit solidarischer Abwehr gewesen wäre. Und wo sie versucht wurde, weiß man ja, wie es ausging – aus eigener Erfahrung.
Augenblicklich aber sind meine Gedanken mehr von all diesem Geschehen abgerückt: Der verehrte alte Herr von Schoepffer ist gestorben, wie er, und
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| zuletzt sogar seine Frau, es ersehnte. Er hat mit Geduld und Ergebung das lange Krankenlager ertragen, aber die Leiden wurden immer quälender. Ich war oft dort, um nachzufragen, aber gerade in den letzten Tagen kam ich nicht dazu, und so war er schon auf dem Friedhof, als ich seinen Tod erfuhr. Morgen wird die Feuerbestattung sein. Aber gestern sah ich ihn dann noch, als ich einige Rosen auf seinen Sarg legte, in dem er, von Blumen umhüllt, ruht. Ich stand einige Minuten in der dämmerigen Zelle und sah dies verklärte, stille Antlitz. Es war von einer wunderbaren Schönheit, und ich mußte denken: Er ist erlöst in die Ewigkeit eingegangen, aufrecht und bewußt. Die rührende Frau ist von einer stillen Fassung. Vorläufig beherrscht sie noch das Gefühl der Erlösung für ihn, aber wie sie ihr Leben weitergestalten wird, das so ganz nur für ihn gelebt war, ist nicht auszudenken. – Sie erzählte, am letzten Morgen sei er plötzlich in die Höhe gefahren und habe gerufen: "ich komme, ich komme", dann habe er zurücksinkend mit der Hand etwas fortgewischt, habe von da an niemand mehr erkannt und nicht gesprochen. – Und diese Gewißheit, ich möchte sagen, nun "vor Gottes Thron zu stehen", die lag auf seinen edlen Zügen.
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Heute morgen nun war Gemeindewahl. Ich ging schon früh hin, um Gedränge zu vermeiden, hätte aber nichts zu fürchten brauchen, denn in einem großen Schulhaus der Weststadt war alles sehr weitläufig und gut eingerichtet. Nach einigem Schwanken bin ich bei der C.D.U. gelandet. Die Wahl fand nahe bei Matussek statt und so ging ich bei ihm mit vorbei, traf beide Brüder eifrig schreibend bei der Arbeit. Der Dr. erzählte von einem Vortrag des Prof. Siebeck, im gleichen Zusamme[über der Zeile] nhang wie der Niemöllersche. Er habe weniger wissenschaftlich und klar aufgebaut gesprochen, wie Du in der Weltfrömmigkeit, aber im Standpunkt ungefähr ebenso, nur persönlich gesprochen kirchlich gebunden. Er ist eben ein Katholik. – Matussek zwingt mir immer irgend etwas von Lebensmittelmarken auf, was mir garnicht recht ist. Ich finde überhaupt, daß er nichts hergeben sollte, da er selber augenblicklich Krankenzusatz hat und garnicht so recht gesund ist. Er versichert aber, auch sonst reichlich versorgt zu sein. – Ich soll Dir Grüße von ihm ausrichten, er könne eben nicht selbst schreiben, ist sehr in der Arbeit und auch – wie wir alle – leicht ermüdet. "Ein Brief an Dich aber solle doch
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| umfassender sein". Deine Grüße habe ich ihm ausgerichtet. – Es tat mir leid, den Vortrag von Siebeck nicht selbst gehört zu haben. Aber die Anzeige war mir entgangen. Das kommt, weil ich jetzt keine eigne Zeitung mehr habe, sondern sie mit Froelichs zusammen halten muß, "aus Papiermangel". Da sie aber sehr unpünktlich sind, bin ich übel dran. – Mädi schreibt, und es scheint bei ihnen voran zu gehen. Er hat Bilder verkauft, Porträts gemalt, und jetzt kam die Mitteilung der Regierung in Minden, daß er als Dozent für die Lehrerakademie in Bielefeld vorgesehen ist. Nun will er sich theoretisch einarbeiten. – Sie erzählte auch sehr hübsch von einer Kunstreise nach Braunschweig, bei der sie neuere und neueste Malerei sahen. – Die Frau von Günther, (ihre Schwägerin) wird mit der Tochter in Albertshofen bei Kinzig am Main bleiben. Aber sie plant womöglich eine Anstellung als Haushälterin bei einem älteren Herrn oder "dergl." zu suchen. –
Wenn ich doch nur wüßte, ob sich bei Dir irgend etwas ereignet hat? Am besten scheinen sich doch die Dinge in England zu entwickeln. So hoffe ich immer, es gestaltet sich doch noch was mit H. In den andern Gebieten scheint für Dein Fach wenig Aussicht. Dein Name wäre wohl erwünscht, aber Amerika fürchtet
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| von moderner deutscher Philosophie verderblichen Einfluß auf soziale und politische Entwicklung. Als ob solche Probleme nicht aus dem Volksleben von selbst aufsteigen mit der inneren Notwendigkeit. Oder glauben die Amerikaner doch daran, daß es der Geist ist, der sich den Körper schafft?
Ich glaube freilich, daß beides ineinander wirkt, wenn auch im Grunde der Geist sich in allem offenbart. Aber er formt von innen, nicht von außen. Gehört das nicht auch zur Mystik der Seele? Ich halte es nun mal mit Goethe, wer das Göttliche nicht überall sieht, der sieht es nirgends recht. So gibt es nur eine Steigerung der Entfaltung, und ich bin meinen Weg von den Wundern der Natur durch Dich und mit Dir zu den Wundern des Herzens gegangen in ungebrochener Linie. Und jetzt im Alter stehe ich vertrauend vor den Wundern des Unerforschlichen, und jedes tiefe Erlebnis wird zur Offenbarung.
Ich erstaune mich oft, wie ich dies augenblickliche Leben ertrage, das mir mit seiner täglichen Geschäftigkeit wie ein Leerlauf erscheint. Es ist, als verzehrte der Tag sich selbst. Bin ich schon stumpf geworden, daß ich mich innerlich nicht auflehne, nicht einmal ein Ende wünsche, sondern mir einbilde, es könne Dir doch noch einmal wieder nützen, daß ich noch da bin? Inzwischen nehme ich von
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| jedem Tag die möglichste Annehmlichkeit, und habe mich wieder wirklich erholt. Auch die Augen schmerzen weniger, seit das Zeichnen aufhörte. Alle Sorgen und die ganze Unsicherheit der Existenz sind mir bewußt, aber sie erscheinen mir wie eine Selbstverständlichkeit. Ist mein Gefühl taub? Es ist nur der Wunsch in mir lebendig, zu helfen, wo ich kann und Liebes zu erweisen. Daß ich das so wenig [über der Zeile] kann, das ist mein Kummer. Wie oft denke ich: der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, denn vieles, vieles bleibst nur Absicht. – Augenblicklich nehme ich mich etwas um die Tochter Hanne Héraucourt an, deren Mutter verreist ist. Sie war mehrmals bei mir zu Tisch, aber es sollte viel öfter sein, wenn ich mehr Kräfte hätte. Aber wenn ich des Morgens frisch aufwachen (etwa um 7 Uhr) dann bin ich nach 2 Stunden schon wieder müde. Das ist doch erbärmlich! Wir haben auch wieder viel Gewitter. In den letzten Tagen hat es dabei wahre Wolkenbrüche gegeben.
Ich wünschte sehnlich zu hören, daß Du wieder die innere Ruhe zur Arbeit hattest, und daß Deine sonstigen Wünsche sich auch erfüllen. Grüße mir Susanne sehr herzlich, und sage auch Ida einen schönen Gruß. Dein gedenkend grüßt Dich von ganzem Herzen
Deine
Käthe.