Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Juni 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Juni 1946.

[von fremder Hand] 14.6
Mein liebster Freund!
Wie soll ich Dir schreiben von dem Schrecken, den mir Deine liebe Karte vom 21. Mai verursachte! Ich erhielt sie am 30. und warte seitdem unablässig auf weitere – bessere! Nachricht. Ob ich Eure Gedanken und Gefühle teilen, sehr genau mitfühlen kann, wirst Du Dir vorstellen können. Habe ich doch den gleichen Zustand wiederholt auch erlebt, das erstemal sogar in gleicher Kraßheit. Aber bei mir ließ sich das Unheil wieder abwenden. Wie dringend wünsche ich, das möchte bei Euch auch der Fall sein.
Ist das Ausbleiben weiterer Mitteilung ein günstiges Zeichen dafür? Ich weiß es nicht und wage es nicht zu hoffen. Ich stehe so unter dem Druck der Sorge um Euch, daß ich anderes garnicht denken kann. – In der Klinik habe ich neue
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| Arbeit und fahre täglich in die Stadt. Sonst auch geht das Leben seinen Gang, und man tut, als wäre nichts geschehen. Aber im Innern ist nur der eine Gedanke: wie mag es Euch ergehen? Es ist schwer, sich in der Ferne überhaupt eine Vorstellung zu machen von den Möglichkeiten, diesem Verhängnis zu begegnen. Überhaupt ist mir dies Geschehen ganz unausdenkbar und legt sich beklemmend auf mich. Ist auch das persönliche Verhängnis noch immer nicht groß genug?
Ich grüße Euch in großer Sorge und beklage es tief, so garnicht helfen zu können. Möge es Euch möglich sein, dem Verhängnis so oder so tätig und tapfer zu begegnen.
Wie immer von Herzen
Deine
Käthe.