Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24./25. Juni 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.[unter der Zeile] 24. Juni 1946

No. 24.
erhalten No 22
vom 9.VI. am 22.VI.
Mein geliebter Freund!
Nun ist doch wieder der Sonntag ohne einen Brief vergangen, obgleich ich durch Dein liebes Schreiben ganz besonders dazu veranlaßt war. Auch in der Nacht zum Sonntag war ich Dir im Traum so lebhaft nahe – wann wird das einmal wieder in Wirklichkeit der Fall sein?? Denn das Vorhandensein einer Bahnverbindung allein genügt ja dazu nicht! Wie sehr wünsche ich Euch aber doch, daß sich endlich eine annehmbare Lösung für Eure Situation findet. Ganz besonders ist das natürlich auch mein Wunsch in Bezug auf Dein berufliches Wirken. Wie froh werde ich sein, wenn endlich eine gute Entscheidung fällt, denn Du bist gerade jetzt so notwendig. –
Von mir ist nicht viel zu erzählen. Wir waren hier in Rohrbach einige Tage in ähnlicher Situation wie Ihr neulich. In der Straße vom Friedhof her wurde ein Haus nach dem anderen genommen. Aber in unserer Nähe wurde nur einzelnes ausgewählt und unsere Nachbarschaft wurde verschont. Eine allgemeine Panikstimmung hat um sich gegriffen, und Du kannst Dir denken, daß ich auch recht in Unruhe war. Gerade am 16. als ich Dir zum
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| Geburtstag schrieb, war der kritischste Tag, und ich wollte doch gerade das nicht in einen Glückwunschbrief schreiben. Hoffentlich hast Du es nicht doch störend empfunden. Irgendwelche Sicherheit für die Zukunft gibt es natürlich nicht, aber unser Haus ist so herunter gekommen, daß es hoffentlich nicht gefällt. Von anderer Seite aber merkt man auch bedrohliche Absichten. Es sind Strömungen im Heidelberger Wohnungsamt, die linksradikale Grundsätze vertreten und eigenmächtig eingreifen. Bei Heinrichs wollte man geradezu enteignen, "Sie haben es jetzt lange genug gut gehabt." –  –
Das ist ja nun freilich im Grunde auch mein Standpunkt, und ich bin ganz Deiner Meinung, mein liebstes Herz, daß ich vom Leben nichts zu fordern habe. "Verklären" allerdings aber kann ich diese grausame Epoche nicht, aber als Notwendigkeit hinnehmen und in ihr den Wert, den mir das Leben gab, als Kraft bewahren. Dieses Gleichgewicht der Seele immer wieder zu suchen, das was Du so schön die "Kickelhahnstimmung" nennst, das will ich. Sie ist oft in mir, und ich fragte mich: ist das nur das Alter? Aber es ist doch auch ein Glaube, ein Wissen ohne Worte um die heilige Bestimmung des Lebens. Sieh, mein Lieb, dies alles danke ich Dir, es ist der Ertrag unserer gemeinsamen Lebenswanderung, einer Höhenwanderung! –
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Noch viel möchte ich Dir sagen können in diesem Zusammenhang. Wie ein kostbares Gewebe kommt mir das Leben oft vor, dessen einzelne Fäden des Einschlags mir oft bekannt waren und das sich allmälig zu einem wunderbaren Muster entfaltet. Und eben dies Zusammenschließen des Ganzen, dies sinnvolle Gestalten ist es, was dem Herzen diese Geborgenheit, diese Sicherheit gibt. –
Inzwischen bereitet sich hier für mich ein neues Abschiednehmen vor. Die alte Frau Drechsler ist so krank, daß man ihr Ende wünschen muß. Sie hat eine Darmgeschwulst, die nicht mehr zu operieren ist und hat sehr viel Schmerzen. Es ist ein wahrhaft guter Mensch, dem ich herzlich zugetan bin. – Auch die Tochter steht mir nahe. Und die ist auch ernstlich und unheilbar leidend. –
Lauter Patienten, wohin man sieht. Leider auch Dr. Matussek! Jetzt steht ihm das Examen nahe bevor, aber dann will er sich eine Ruhepause gönnen. Zu alledem mußten die Brüder schon wieder umziehen, und jedesmal ist es eine Verschlechterung. Denn Heidelberg ist total übervölkert, und eigentlich immer mehr eine amerikanische Stadt. – Es ist so etwas Eigentümliches, wie allmälig alles um uns her entwertet
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| wird und wir uns immer mehr vom Äußeren unabhängig machen. Trotzdem bin ich mir bewußt, daß sich mir diese Außenseite eines Tages recht fühlbar bewußt machen kann, und es hindert mich nicht, für die materielle Existenz so gut wie möglich zu sorgen. – Es ist jetzt ½ 10 Uhr, und ich schreibe noch bei Tageslicht. Aber der längste Tag ist vorbei, und es geht wieder abwärts mit dem Licht. Hattet Ihr auch so ununterbrochenen Regen?

– 25. Juni. Gestern überwältigte mich mal wieder die Müdigkeit. Nun sollte ich eigentlich noch bis übermorgen warten, um am Tage selbst noch einmal als Gratulant zu kommen. Aber ich will dies hier doch lieber absenden, sonst geht es am Ende wie mit meiner Schwester: ins Unbestimmte! Ich war mir der Pause nicht so bewußt, weil ich in Gedanken viel mit Ruges beschäftigt war und das was ich dachte, nicht schreiben wollte, aus Sorge. –  – In der Klinik sind wieder ein paar Tabellen zu machen, sonst geht die Zeit mit viel häuslicher Arbeit hin. Vielleicht hört diese Sorge demnächst unfreiwillig auf! – Meine Päckchen und der Brief sind hoffentlich pünktlich bei Dir. So will ich heut nur noch viel herzliche Grüße für die Kellerbewohner und gute Wünsche für ihr Verbleiben anfügen, Dir, mein liebes Herz, Dank <li. Rand> für den lieben, sehr lieben Brief und im Gefühl ständiger Verbundenheit alles Ungesagte von
Deiner Käthe.

[li. Rand S. 3] Dieter Bassermann ist der ältere Bruder von meinem Schüler Alexander, der s. Z. in Leipzig als sehr flott bekannt war.