Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Juli 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Juli 1946.
Mein geliebtes Herz!
Entschuldige, wenn ich sehr flüchtig schreibe, ich möchte Dir aber doch rasch das Wichtigste über mein gegenwärtiges Leben mitteilen. Nach man unruhiger Stunde hat es sich gefügt, daß ich ein Zimmer bei Drechslers bekomme, denn mehr wird mir nicht zugebilligt. Es ist sogar noch ein Vorzug. Mutter und Tochter sind jetzt beide tot, ich werde dort mit Neffe und Nichte hausen. Buttmis haben sehr liebenswürdig meinen ganzen Haushalt im Keller aufgenommen. Nun muß ich sichten, was ich überhaupt unterbringe. Räumung des Hauses [über der Zeile] No 44. zum Glück erst morgen. Ich schlief heute zum erstenmal nicht mehr dort, sondern bei Heinrichs in der Mansarde. Es ist mir ein lieber Gedanke, daß die Wohnungsfrage gewissermaßen durch Deine Vermittlung geschieht. – Die St. Peterstraße ist eng, das Zimmer liegt nach Norden! aber ich habe Küchenbenutzung, die (mit Balkon) nach Süden liegt. Es sind überhaupt viele Schwierkeiten und Schattenseiten, aber auch allerlei Gutes. So z. B. daß alle Wege zum Einkauf nahe sind und auch die Elektrische ist nahe. Zunächst werde ich wohl auswärts essen. – Wie mag es bei Euch stehen. Ich habe kaum Zeit bei der drängenden Arbeit und allem Bedenken, daran zu denken, aber hoffe sehr auf günstige Nachricht. Alle Freunde, auch der jüngere Bruder Matussek helfen sehr liebenswürdig und tatkräftig. Mir steht alles noch wie ein Berg bevor. Eben schreibe ich auf meinem wackligen Nähtischchen; was von Möbeln in das Zimmer dort gehen wird, weiß ich noch nicht, muß erst ausmessen, wenn es frei ist. Gestern sah ich noch die von ihrem Leiden erlöste Mutter Drechsler darin aufgebahrt. Nun ist das Haus für mich nur noch eine Wohnstätte, ein Dach über dem Kopf! Wer hätte denn in dieser Zeit das Recht, mehr zu beanspruchen. Seid alle beide mit Ida herzlich gegrüßt, und denkt an mich, wie ich an Euch.
Immer
Deine Käthe.

[li. Rand] Näheres und Besseres wenn ich wieder zur Ruhe komme!