Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. August 1946 (Heidelberg R./St. Peterstr. 12)


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Sonntag abends. 4. August 1946.
Heidelberg R. St. Peterstr. 12
Mein liebstes Herz!
Ich nehme doch wieder einen kleinen Bogen, denn zu mehr wird weder der Kopf noch die Zeit ausreichen. Von Dir habe ich Brief und Karte und die Grußkarte mit Oesterreichs. Inzwischen sorge ich mich beständig, daß Ihr dort wahrscheinlich Hunger leidet, während ich hier mehr habe, als ich essen kann. Hätte ich doch bald die Möglichkeit, etwas zu schicken! Mir ist eingefallen, daß dort auch Georg Weise Dein Kollege ist. Der ist ein ungemein praktischer Mensch in nützlichen Dingen; ob er nicht helfen könnte zu einer brauchbaren Wohnung? Du hast Dich doch um seine Mutter bemüht, wenn auch vergeblich. –  – Bei mir geht alles langsam, aber vorwärts. Ein paar Tage setzte die Kraft allerdings aus, und ich bin auch die ganze Woche noch nicht zum Zeichnen gegangen. Es ist zum Glück nicht eilig damit; und Dr. Cibis war sehr verständnisvoll. Er ist auch rausgesetzt. –  – Ich schreibe eben auf dem Küchenbalkon, der durchaus Berliner Charakter hat, sechs andere haben die Aussicht auf ihn. Auch beständiges Radiogeklapper erfreut dabei. Aber ich habe glücklicherweise nicht die Sorte Nerven, die das stört. Statt dessen meldet sich der Ischiasnerv immer, besonders des morgens. Da ist es gut, daß die Wege von hier nicht mehr so weit sind. Statt dessen findet sich andre Bewegung: im Keller war 1/3 von dem Holz, das Herr Matussek d. J. mit mir mühsam und in Eile aufschichtete, wieder umgestürzt, weil der Platz nicht gut abgestützt war. So ist es überhaupt mit allem, die Vorbereitung für mich bleibt sehr hinter der Versprechung zurück. Ich dringe aber doch langsam durch.
Es ist mir wohltuend zu hören, daß Ihr solch angenehme Eindrücke von dem freundschaftlichen Empfang dort habt. Möchte nun auch die praktische Seite nach Wunsch sich entwickeln! Ich sehne mich recht, bald Gutes darüber zu hören. Und besonders erfreut bin ich noch, daß Susanne von einem "baldigen Wiedersehen" schreibt. Danach verlangt mich auch, und es tat mir so leid, sie nicht wenigstens am Bahnhof gesehen zu haben. Vorläufig muß ich mich noch damit begnügen, ihr in Gedanken zu schreiben. Denn da sie durch Dich immer von mir hört, müssen zuerst noch Hermann und Aenne dran kommen. Ich schrieb ihm nicht einmal zum 18. Du bist immer der Einzige, für den ich wenigstens einen Zettel zuwege bringe. –  – Ein Päckchen Briefe von Dir an unser Tanting hat mir in diesen Tagen zu einem angenehmen Einschlafen geholfen. Und dabei ist auch ein Brief, der lebhaft an unsre Weltanschauungsprobleme rührt. Alles aber weckte liebe Erinnerungen, und zauberte die damalige Stimmung vor die Seele. Jetzt ist aber das Licht nicht mehr ausreichend zum Schreiben, und ich bin sehr müde. Drum gute Nacht für heut und viele Grüße an Euch zu dritt und noch besonders herzliche an Dich allein.
Deine
Käthe.

[li. Rand] Dreimal aus der Unterkunft geworfen! Das ist toll. Du hast die Erinnerungen in natura, ich in Deinen Worten!