Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. August 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. August 1946.
Mein einziger Freund!
Seit einer Woche hoffte ich täglich auf die Möglichkeit, einen Brief zu schreiben, aber es wollte nicht dazu kommen. Denn das, was Du mir in Deinem lieben Schreiben vom 3.8. wünschst "das Gefühl eines ruhigen Zuhause" hat sich immer noch nicht eingestellt. Umso mehr hoffe ich, daß bei Euch die Umstände sich rascher und glatter entwickeln. Wie aus der Nachricht über die Anschrift, die Matussek erhielt, hervorgeht, ist die Wohnungsfrage auch noch mehr nach Wunsch gelöst, und ich denke mir, bei der Tatkraft von Susanne und Ida wird die Mühe der Einrichtung bald überwunden sein. Ohnehin wird es wohl verhältnismäßig zu dem, was Ihr zurücklassen mußtest, eine etwas begrenztere Arbeit sein.
Ich danke Dir für beide Briefe, die ich schon hier in der Peterstraße erhielt, und die mir in aller Plage ein wahrer Trost sind. Denn nach der ersten Zeit der Aktivität und Beherrschung war eine echte Erschöpfung über mich gekommen, und ich habe auf einmal völlig versagt. In dem Bestreben, auch in der Klinik wenigstens teilweise dem Auftrag nachzukommen, wollten auch die Augen nicht mehr den Dienst tun, und bei dem Zeichnen der Kurven in der stillen Bilbiothek überkam mich einfach der Schlaf. So mußte ich nachgeben und habe mit allem eine Pause gemacht. – Alle Menschen sind sehr teilnehmend und raten mir, langsam zu tun, aber einmal möchte man doch auch wieder zu einer wirklichen Ordnung kommen. Dabei sind vorläufig meine Bücher noch wahllos auf die Bretter geschichtet, und eine große Kiste voll steht noch im Keller. Wohin soll das alles bei dem einen Zimmer? –  – Hier im Hause läßt man mich freundlich gewähren, und die beiden Mitbewohner gehen auch auf kleine Änderungen ein, aber die Hauptschwierigkeit ist das Kochen, durch die Sperrstunden, denn jeder möchte doch die verfügbare Zeit ausnützen. Irgend welchen absichtlichen Widerstand habe ich noch nicht gefunden, aber es hat sich noch keine feste Ordnung herausgestellt und bei dem Wesen von Trudel Nitsche wird das überhaupt schwer sein. – In meiner vorigen Wohnung
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| hatte ich abends regelmäßig meine Blumen auf dem Fensterbrett gegossen, und die Nachbarin, Frau Prof. Meier, sagte mir, sie habe das "wie einen Spitzweg" beobachtet. Jetzt wohne ich in der Sperlingsgasse. Das Gegenüber ist so nahe, daß man fast hinlangen kann und alle Leute unterhalten sich miteinander. Vorhin wurde schauerlich Klavier gespielt und jetzt geht im Nebenzimmer das Radio. Wo ist meine friedliche Stille geblieben?! Am Donnerstag kam für wenige Stunden Ila auf der Durchreise nach Berchtesgaden, wo eine Enkelin von Onkel Hermann verheiratet ist. Sie war sehr erfüllt von ihrer Arbeit, und es ist ja auch fabelhaft, was sie zuwege bringt. Ihr "Institut Pau" vermittelt Unterricht in "allen" Sprachen, sie beschäftigt alle möglichen Leute etc. und verdient viel Geld. Vor allem bereitet sie für Examina vor. – Zum Glück hatte ich ihr vorher mitteilen können, daß sie nicht bei mir übernachten kann. – Etwas sehr Schmerzliches ist mir begegnet und zwar in den Tagen des Ausräumens, noch dazu durch eignes Verschulden oder besser: Versagen. Ich habe einen ganzen Stoß der mir liebsten Bilder im alten Hause stehen lassen, weil ich beim Forttragen dieser letzten Last unterbrochen wurde. Vielleicht hätte ich es noch rechtzeitig bemerkt und wieder gut machen können, wenn Dein Besuch nicht all meine Gedanken abgelenkt hätte. So sage ich mir eben, das Schicksal hat mir solch Wunder durch dieses unerwartete Wiedersehen geschenkt, daß ich das Andere wohl verschmerzen kann. Vorläufig bin ich noch nicht so weit, sondern beim Gedanken daran, spüre ich mein Herz.
In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend war im Dorf ein Großfeuer. Zwei gefüllte Scheunen sind abgebrannt. Auch im vorigen Jahr hat es in der gleichen Gegend mehrmals gebrannt, und man vermutet natürlich Brandstiftung. Das fehlt uns gerade noch!
Jetzt will ich versuchen, noch an meine Geschwister zu schreiben, die noch nichts von meiner Vertreibung wissen. Dir aber und Susanne wünsche ich recht erfolgreiche Tage und Ida, daß sie sich auch recht bald eingewöhnt. Innige Grüße von
Deiner Käthe.

[li. Rand] Nun sind wir also beide von der 13 zur 12 gekommen!