Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. August/1. September 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. August 1946.
Mein liebes Herz!
Wenigstens anfangen will ich doch noch, an unserem Gedenktag Dir zu schreiben, wenn auch die nüchterne Alltäglichkeit kaum Zeit dafür gelassen hat. Von früh an war mir alles gegenwärtig, was dieser Kalendertag mir immer bedeutet hat; immer in Verknüpfung mit den mir liebsten Menschen.x [li. Rand] x erst meinem Vater und dann Dir! So war es, trotz allem, doch ein Feiertag. Wie dankbar bin ich, daß nun auch von Euch wieder bessere Nachrichten kamen. Immer, wenn der Lebensmut mich verlassen wollte, tröste ich mich mit dem Gedanken, daß es Euch nun endlich wieder gut geht; und das macht mich dann von Herzen froh. Ein besseres Heilmittel könnte es garnicht geben. Wenn es nur nicht allein auf das Herz sondern auch auf den Verstand wirken möchte! Einige Tage trug ich mich wirklich mit der Befürchtung, völlig zu versimpeln.

1.9. Gestern abend fielen mir buchstäblich die Augen zu, darum soll heute der Sonntag die Fortsetzung bringen. Inzwischen wird ja mein Brief an Susanne eingetroffen sein und Dir sagen, daß ein weiteres Mißgeschick nicht eingetreten war. Aber einen panischen Schrecken brachte mir doch Deine Erwähnung von zwei Päckchen, die ich in der Aufbewahrung hätte. Unzählige Male hatte ich Tasche und Rucksack mit den
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| wichtigsten Papieren etc. mit im Luftschutzkeller, und nun – wo war das alles? Einiges bei Buttmi's, einiges bei Heinrich's. Also holte ich die Sachen dort ab, die ich in dem Chaos hier noch nicht brauchen konnte. Es war nichts dabei!! Da kam mir die Erinnerung, daß ich hier den Rucksack erst vollends ausgepackt hatte und daß da ein größeres Päckchen dabei war. Doch wo war das jetzt? Ein verzweifeltes Suchen begann, denn ich hatte ein gelbes Papier im Sinn – es war aber weißx [li. Rand] x und enthielt beide Einschreibebriefe, zusammengeschnürt. und stand darauf: Eigentum von Spranger, und es lag jetzt bei den Büchern im Gestell neben dem Sekretär. So kam es mir endlich erlösend in die Hand. Noch zweimal hat mich seitdem der Schrecken gefaßt: wo ließ ich es jetzt?!! Aber nun endlich weiß ich es ganz sicher und bin beruhigt. – Ich schreibe Dir das, mein Liebstes, damit Du eine Vorstellung von meiner augenblicklichen Verfassung erhältst. Es ist, wie ein völliges Versagen vom Gedächtnis. Aber nach und nach taste ich mich dann meist an einzelnen haftenden Eindrücken zu dem gesuchten Bild zurück. Könnte man doch dann auch den wirklichen Moment zurück rufen, um das Verfehlte zu vermeiden! Mein Kopf aber ist wie die Filmleinwand, die Bilder gehen nur darüber hin! –
Trotzdem habe ich wieder die Absicht, einigermaßen normal zu werden. Meine Ernährung ist so gut, wie ich sie Euch nur wünschen möchte! Zu meinem Bedauern erfahre ich auf der Post, daß man nur
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| Pfundpäckchen schicken darf; es ist also nicht möglich, Porzellan und dergleichen zu schicken. Auch Vorhänge würde ich gern loswerden, dunkelblauen Wollrips – – das ist alles zu schwer. Das müßte jemand holen; wie steht es denn mit dem Lehrauftrag in Stuttgart? Betreibe das doch womöglich.
Allmälig ist jetzt doch in meinem Zimmer ein annähernd menschenwürdiger Zustand. Die Bücher freilich liegen noch immer unberührt und werden das noch länger tun müssen. – Die Bilder, um die ich traure sind: das grüne Isarbild (von mir in Öl gemalt), das reizende märkische Aquarell von Herrn Lütke, mit dem Reh; das Bild vom Bodensee, Radierung von Dir geschenkt, das große Bild von Dir – alle im Rahmen. Du siehst in der Aufzeichnung die Steigerung des Wertes für mich. Das wird nun irgendwie für Geld verkitscht sein. Ein Glück nur, daß Dein Bild nicht den Namen trug. Es war wohl das repräsentabelste Bild von Dir, aber es hatte mir etwas Fremdes. Andere sind mir lieber, aber ich wäre sehr froh, hätte ich es wieder. Ob sonst noch was dabei war, weiß ich nicht. Diese Sachen waren hängengeblieben, während sonst alles von hilfreichen Händen ergriffen und fortgetragen war. Konnte dies Schicksal nicht gleichgültigere Dinge treffen? Ich sollte eben auch meine Kriegsopfer bringen! Es waren gleichzeitig noch gute Malgeräte dabei, die ich zuerst vermißte, die Bilder glaubte ich anfangs nur irgendwo verborgen.
Obgleich es sich abscheulich auf diesem Löschpapier
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| schreibt, will ich doch noch einen Bogen nehmen.
So will ich Dir erzählen, daß sich das Verhältnis hier im Hause nur sehr allmälig etwas persönlicher gestalten läßt. Die beiden sind recht unzugänglich, das Mädchen wechselnd und launisch. Ich gehe nicht darauf ein, sondern warte ab. Aber im ganzen werden doch meine Wünsche und nötigen Anforderungen bereitwillig erfüllt. Wir übereilen beiderseits nichts, sondern lassen die Dinge sich einspielen.
Du schreibst, Susanne und Frl. Dr. Schaal hätten mancherlei per Handwagen geholt. Ach, ich weiß garnicht, wie oft ich so den weiten Weg zur Markscheide zusammen mit helfenden Freunden, Buttmis und Bruder Matussek hin- und hergezogen bin! Und noch war es nicht das Letztemal. Aber ich habe eine notgedrungene Pause gemacht. Und diese Woche gibt es nötig das Einkochen von Obst. Ich habe Birnen und Pflaumen bekommen, ein fabelhaftes Glück! Denkt Ihr nicht manchmal verlangend an die Fleischtöpfe Egyptens?
Und mit dieser zeitgemäßen Frage will ich meinen Plauderbrief endlich schließen. Du weißt, wenn auch der Kopf versagt, das Herz versagt nicht. Und es lebt in Erinnerungen voll unvergänglicher Kraft des Glückes und der Gemeinsamkeit. Du aber schöpfe neue Kraft und Arbeitsfreude aus gesunder Lebensbedingung, wenn nun alles im Hause zur Ruhe kam. Was Du verlassen hast, war ja nicht mehr die Heimat. Mit herzlichem Gruß an die Hausgemeinschaft und in treuem, ständigen Gedenken
Deine Käthe.