Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. September 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Sept. 1946.
Mein lieber, einziger Freund!
Wie gut, daß ich jetzt mit so viel größerer Beruhigung an Euch denken kann! Ich hoffe ja, daß alles so nach Wunsch weiterging und daß nun, beim eignen Wirtschaften, sich die Ernährungsfrage auch erträglich löst. – Von mir ist in der Richtung nicht zu klagen, aber trotzdem ist es mit meinen Leistungen dauernd bergabgegangen, und am liebsten täte ich nichts als schlafen – vier Wochen lang! Im vorigen Brief erzählte ich Dir von einer schmerzlichen Versäumnis beim Räumen der Wohnung, und heute muß ich von einem neuen, sehr großen Verlust berichten. Es sind mir auf nicht nachweisbare Art 100 M abhanden gekommen. Ich muß mein Sparkassenbuch wohl verloren haben. Ich hatte das Geld abgehoben und dann zuhause an meinem Schreibtisch Buch und Kontrollmarke einschließen wollen. Die Kontrollmarke ist auch da, aber das Buch, das ich am Abend wieder vornehmen wollte, ist nicht da, wo ich dachte.x [li. Rand] x es ist natürlich gesperrt. Ich war am Nachmittag auf dem Kümmelbacher bei Matussek, ging dann mit Frl. Seidel auf der Landstraße zurück gegen Schlierbach, und wir zeigten uns unterwegs unsre gleich abscheulichen Paßbilder. Dabei könnte das Buch, das ich in meinem augenblicklich so geistig erschöpften Zustand doch eingesteckt haben kann, herausgefallen sein. Noch vor Schlierbach überraschte mich ein Wolkenbruch, in der Wartehalle war es übervoll, und meine Tasche wurde so eingeklemmt, daß ich sie nur mühsam
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| freimachte. Also auch ein Gefahrenmoment. Dann ging ich zur Waschfrau in Ziegelhausen, und an der Fähre beim Bezahlen hing die Tasche einen Augenblick offen – ich überzeugte mich, daß die Lebensmittelkarten vorhanden waren (das Übrige ist hinter dem Reißverschluß), und da ich das Sparbuch zuhause glaubte, war ich beruhigt. Aber es ist trotz gründlichen Suchens nicht da. Bitte schelte mich nicht, und sei nicht erzürnt, ich bin ja durch die Aufregung genug gestraft. Immer wieder überfällt mich der Schreck und macht mir Herzbeklemmung. Vor allem lebe ich auch jetzt in einer beständigen Angst, etwas Neues zu verlieren oder zu versäumen. Es hat sich so vieles Nebensächliche, das ich verloren glaubte, wieder angefunden, aber die wichtigen vermißten Sachen bleiben fort. Du kannst Dir denken, daß ich viel Bromural verbrauche!
Im Augenblick sitze ich auf dem Küchenbalkon, die beiden andern sind fort. Nebenan geht ein lautes Radio – also still ist es nicht in der Petersstraße. Mein Zimmer fängt an, Form zu bekommen. Aber noch immer ist viel zu ordnen und einzurichten. Und ich habe nie so sehr das Alleinsein empfunden wie in der augenblicklichen Ermüdung. Und all der Umstand nur für mich allein! Dabei ist man den ganzen Tag beschäftigt nur für die Existenz. – Ein ganz klein wenig komme ich zum Lesen abends, da habe ich gerade Meineckes Aufsatz über den "Spaziergang" in die Hand bekommen und denke dabei an Jena, an Weinels, an die Vergangenheit – und an die ewige Wiederholung irdischen Geschehens. – Aber ich will den tieferen Sinn nicht aus den Augen verlieren, den mir Dein lieber Besuch so überraschend und handgreiflich nahebrachte. Möchte sich das doch wiederholen!
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| Aber dazu ist wenig Aussicht! Gut nur, daß Susanne die Ihrigen in Alpirsbach erreichbar hat! –
Gundel Buttmi hat mit zwei Freundinnen eine wunderschöne Tour ins Allgäu gemacht. Eisenbahnfahrt bis Kempten, von dort gewandert über Immenstadt auf eine Höhe[über der Zeile] ?, von dort Blick zum Bodensee im Abendglanz, dann noch weiter bis Obersdorf, Nebelhorn, Hindelang etc. etc. von Kempten wieder Bahn zurück, viel wandern, wenig Essen, aber großes Entzücken und meist gute Unterkunft in Jugendherbergen und dergl. Man freut sich doch, wenn junge Menschen den Mut und den Idealismus zu solchen Unternehmungen haben.
Immer wieder, wenn mich die Schwierigkeiten entmutigen wollen, kehre ich in Gedanken zu den guten Eindrücken zurück, die Du von Deinem neuen Aufenthalt hast. Das ist für mich eine richtige Wohltat. Denn vorläufig überwiegen bei mir die Mängel. Es ist sehr schwer, sich in einem fremden Haushalt einzufügen, wenn man zeitlebens selbständig war. Man machst mir ja keine Schwierigkeiten, aber man macht sich ganz selbstverständlich breit wie bisher, und ich bin nicht sehr gestimmt, mich irgendwie durchzusetzen. Man geht ganz freundlich neben einander her, aber es bahnt sich kein persönliches Verständnis an. Dazu muß vielleicht mal irgendein Anlaß kommen.
Du schreibst von dem sonderbaren Gefühl, das Dir die neue Umgebung gibt. Mir ist dies hier vorläufig noch wie eine Art Übergang, hat nicht den Eindruck von Dauer. Und im Gespräch mit Dr. Drechsler fand er meine Ansicht von dieser Trudel Nitsche durchaus
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| die Bestätigung seines eignen Urteils. Dies letzte Gespräch, das ich mit ihm hatte, war von wärmerem Ton als bisher, weniger formell und gehalten, als er die ganze Zeit her sich gab. Er sprach auch lebhaft von seiner Arbeit über Fichte, die er nennen will: Fichte's Lehre vom Bild. Er meint, einen Gesichtspunkt zugrunde zu legen, der so noch nicht betont wurde, und zwar das Dynamische. Ich glaube, man könnte sagen: Was bei Hegel systematisch aufgefaßt ist, die Doppelheit allen Lebens im Leben [über der Zeile] Wirken der Gegensätze [über der Zeile] auf einander, ist bei Fichte formende Kraft. – Jedenfalls ist er sehr voll von diesem Gedanken, die ihn über die drückende Gegenwart erheben. Denn er ist ja ohne häuslichen Besitz, ohne Einkommen und dabei Familienvater.
Dabei fällt mir auch ein, daß ich gern wüßte, ob sich die Bedingungen Deiner Anstellung jetzt geordnet haben? Wer ist denn die Macht, unter der die Universität jetzt steht? – Dann noch etwas: wie kommt man vom Treppenhaus in Eure Wohnung? Nach Deiner Zeichnung, die ich eifrig studiere und nach der ich mir das ganze wunderhübsch vorstelle, ist da nur die Tür in Ida's Zimmer. Werde ich das alles mal sehen?? Ich wußte es gleich, als Du anfingst, von Tübingen zu reden, was da für zwei üble Haken dabei wären, und schrieb es Dir gleich. Wann werden die sich bessern? Und auf welche Art?
Der Bogen ist nun am Ende. Aber ich möchte noch bitten um eine Skizze der Gesamtsituation von Eurer Wohnung zur Stadt, zum Neckar und zur Kirche mit den 4 Evangelisten. Und nun lebe wohl, so sehr es nur möglich ist, und sei mit Deinen Getreuen gegrüßt.
Immer mit innigen Wünschen bei Dir
Deine Käthe.