Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. September 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Sept. 1946.
Mein geliebter Freund,
Wie Du gesehen hast, war auch mir das rechtzeitige Schreiben zum 31. nicht möglich, aber nun konnte ich doch wenigstens nachträglich einen geeigneten Gruß dazu senden. Im Siebenmühlenthal habe ich die schönsten Zeitlosen geholt und hoffe nur, daß sie noch leidlich frisch in Deine Hände gelangen und Dir all das sagen, was Du ja eigentlich ohne Worte weißt. – Und schreiben möchte ich Dir noch außerdem, daß jetzt die Last um mich [über der Zeile] sich etwas lichtet und daß ich wieder das Gefühl habe, die Sache in jeder Richtung zu bewältigen. Was nun Deinen Glauben an das Wiederauftauchen des Sparbuches betrifft, so kann ich ihn leider nicht teilen und werde mich mit dem Verlust abfinden müssen. Das Unangenehmste dabei aber war und ist mir die völlige Unzuverlässigkeit meines Gedächtnisses. Das kommt [über der Zeile] ist nicht eine Folge von Übereilung, sondern von physischer Erschöpfung und könnte nur durch Erholung eingebracht werden. Aber das Leben mit seiner heutigen Umständlichkeit geht weiter und trotz guter Ernährung ist zu einem Überschuß an Kräften nicht Gelegenheit. Die innere Ruhe, die Du empfiehlst, fürchte ich manchmal
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| fast zuviel zu haben. Nach der Überwindung des ersten Schreckens grenzt meine Fassung schon beinah an Gleichgültigkeit. Es ist so eine Art von Fatalismus – na, und fatal war es ja auch!! –
Deinen und Susannes Brief habe ich mit Freude und Dank erhalten. Ich habe auch ein gut Teil meiner Ruhe von dem Bewußtsein, daß es Euch im Wesentlichen gut geht. Die Skizze der Situation gibt mir ein gutes Bild der Lagex [li. Rand] x wo wohnen Oesterreichs? Sahst Du mal Georg Weise? und ich verstehe, wie günstig und hübsch alles sein muß. – Nur etwas war ich in Sorge, daß Du auch mit dem Ordnen der Bücher eine zu große Anstrengung haben würdest. Es ist nur gut, wenn Du da mal eine Pause machst. Das mit den unnötig ausgepackten Büchern erinnert mich daran, wie mir mein ganzer Hausrat unter den Händen entrissen wurde mit lauter Hilfsbereitschaft, sodaß ich nicht mehr aus und ein wußte. Erst jetzt ist allmälig wieder System im ganzen. –
Da ja so wenig Aussicht ist, daß ich mal selbst Eure neue Einrichtung sehe, so würde ich gern noch allerlei Einzelheiten schriftlich erfahren, z. B. habt Ihr denn überhaupt etwas von Vorhängen mitnehmen können? Denn wenn Du auch immer prinzipiell ablehnst, könnte ich da so gut abhelfen, wenn nur eine Möglichkeit für den Transport bestände. Ich habe seit Jahren nur den Ballast
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| von derartigen Dingen, freilich nichts Modernes, aber auch nichts absolut Geschmackloses, das mir jetzt nun besonders lästig ist und das man doch nicht nur so fortgeben kann. Aber es ist wohl zwecklos, im Augenblick davon zu reden, wo man es gerade nicht schicken kann.
Hoffentlich ist Eure Wohnung gut heizbar, [über der Zeile u. re. Rand] vor allem Dein Zimmer mit den Fenstern übereck. wenn Ihr erst Brennholz habt. Wird das nicht von der Stadt zugewiesen? Hier kommt es freilich auch nur tropfen- d. h. zentnerweise, und man hat gut, es möglichst zu sparen. Ich habe noch eine ganze Menge vom vorigen Jahr und auch etwa einen Centner Briketts.
Von Matussek soll ich Dich grüßen und Dir Dank sagen für Deinen Brief, den er beantworten wird, sobald er irgend die Ruhe dazu hat. Augenblicklich steckt er im Examen, (z. Z. Chirurgie) und hat für zwei Tage über Sonntag seinen Vater zu Besuch. den ich heute auch kennenlernte: Ein echter, kluger Berliner. Sie sind sehr erfreut über eine endlich erfolgte Nachricht, daß der vierte Sohn lebt und in russischer Gefangenschaft ist. Und noch eine Freude ist, daß der Befund bei unserem Dr. M. sich gebessert hat. Also hat der Kümmelbacher Hof doch geholfen. Übrigens ist der jetzt beschlagnahmt.
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| Dr. Drechsler wurde dieser Tage hier auf der Durchreise erwartet, ist aber nicht gekommen. Er wollte nach Mainz, hat vermutlich keinen Paß. Damit wird es immer schwieriger. Wie man sagt, ist nach der Pfalz zu auch die Kontrolle sehr verschärft, vor allem auf der deutschen Seite, wie wir ja immer besonders gründlich sind, besonders mit den lieben Volksgenossen. – Mit den beiden jungen Menschen im Haus geht es ganz ordentlich. Wir helfen uns gegenseitig und kommen ganz gut aus im Verkehr. Im übrigen lassen wir uns absolut selbständig und legen uns nichts in den Weg.
Morgen ist wieder Wäsche in Ziegelhausen zu holen. Aber das Wetter wird es wohl nicht zu einem Naturgenuß machen. Vielleicht aber gibt es Obst. Das tut mir besonders leid, daß das bei Euch fehlt. Auch hier bekommt man es nur durch "Beziehungen". Können Euch nicht Kollegen derartiges vermitteln? Es ist kein Unrecht dabei, es ist der allgemeine Weg.
Für heute mal wieder Schluß. Ich bin sehr müde, und das wirst Du an dem Geschriebenen merken. Aber besser so als garnicht. – Ich grüße Dich und Susanne herzlich und wünsche Euch weiter alles Gute, vor allem die nötigen Kräfte.
Deine Käthe.