Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. September 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Sept. 1946.
Mein geliebter Freund!
Mancherlei Unruhe hat das Schreiben wieder bis zum Abend verzögert, aber nun ist es still im Haus, und eine ruhige Stunde liegt vor mir. Denke Dir nur, am Freitag kam – Nieschling! Um 2 Uhr läutet es, aber ich kam nicht gleich aus einem noch sehr kurzen Mittagschlaf zu mir; aber dann merkte ich es doch, und beim Oeffnen der Tür stand da ein fremder Herr in gesetzten Jahren vor mir. Er begrüßte mich mit Namen, und ich fürchtete ein ähnliches Erlebnis, wie ich es in diesem Jahr so oft erfuhr mit der drohenden Evakuierung, oder vielleicht einen Steuerbeamten? – doch sagte er gleich: "Sie kennen mich gewiß nicht mehr?" Und ich suchte in der Tat vergeblich nach einem bekannten Zug in diesem Gesicht. Es ist doch garzu lange her, seit ich ihn, und immer nur kurz, gesehen habe. Aber dann hatten wir eine recht gemütliche Kaffeestunde zusammen. Er erzählte mir, wie schön Eure Wohnung sei, daß Du sehr mager wärst, aber dabei frisch aussähest und daß er selbst auch gern nach Tübingen käme. Daß Hilgenfeld [über der Zeile] berg? und Herre dort ebenfalls in Deiner Nähe leben und daß bei der
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| Frau des letzteren Susanne sicherlich irgendwelche Quellen zur Beschaffung fehlender Kalorien erfahren könnte. Das war mir besonders eine erfreuliche Nachricht. – Er erklärte, daß es von Calw umständlich sei, nach Tübingen zu gelangen und daß sein Paß am 1. Okt. abgelaufen sei, er deshalb jetzt noch rasch nach Wiesbaden zu seinem Bruder führe. Darüber hatte ich nicht den Mut, ihn um das Mitnehmen von irgend etwas für Dich zu bitten. Das war aber gewiß recht verkehrt von mir; ich hätte wenigstens fragen sollen. Denn wie sollen denn die zwei eingeschriebenen Päckchen zu Dir sicher heimkommen, wenn nicht auf solche Weise? Leider gab es keine Hoffnung für eine Wiederholung des Besuches auf der Rückreise, und ich bereute nachher meine Schüchternheit. –
Heute wird hier im Hause mit Hochdruck der Nachlaß geordnet und verteilt. Dr. Drechsler ist auf der Rückfahrt von Mainz hiergeblieben und hat mir gestern erzählt, daß seine Aussichten dort günstig seien. Besonders Prof. Bollnow sei sehr für sein Kommen und wolle sich mit ihm über die Verteilung der Vorlesungen verständigen. Sie hätten auch von Dir gesprochen und Dr. will sich gern auch
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| um ein Gutachten an Dich wenden. Ich sagte ihm, daß Du dazu gewiß bereit sein würdest. – Wir kamen auch auf seine Graphologie zu sprechen, und auf meine zweifelnde Bemerkung hin wurde er sehr eifrig in der Verteidigung der Sache. Es werde viel Charlatanerie damit getrieben, es sei aber eine ernste Wissenschaft, die Resultate erzielt und ständig weiter ausgebaut wird. Es gehöre zur Psychologie, und es wäre auch dazu wie zur Pädagogik ein Eros nötig. Natürliche Begabung, Akribie und Ehrfurcht vor dem Menschentum seien die drei Bedingungen. – Im Gefangenenlager hat er sehr anerkannte Kurse darüber gehalten und überhaupt, wie es scheint, eine Rolle gespielt, von der er mit sichtlichem Stolz erzählte. Frau Dr. Frobenius, die mit ihm seit längerer Zeit befreundet ist, sagte mir neulich, wie sehr er von dem Urteil des "man" abhängig ist. Das Geltungsbedürfnis ist wohl bei jedem Manne natürlich. In den Tagen der Trauer hatte er hier eine so gezwungene Würde und Feierlichkeit, die nichts Natürliches hatte, aber jetzt ist das vorbei und er gefällt mir viel besser.
Ich muß Dir doch noch erzählen, daß ich jetzt definitiv weiß, wo ich die beiden Päckchen einge
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|schlossen habe, nachdem ich inzwischen noch einmal beim Öffnen des Faches durch ihren Anblick überrascht war. Dabei hatte ich doch mit vollem Bewußtsein diese Art des Aufbewahrens gewählt und Dir mitgeteilt. Aber so abgenutzt ist mein Bewußtsein. Es ist mir eingefallen, daß ich ja zu der Zeit, als der Vorstand noch in der Rohrbacher Straße wohnte, mehrmals [über der zeile] momentan ein völliges Aussetzen davon erlebt hatte. Ich hoffe aber, daß es jetzt wieder besser damit wird, denn es ordnet sich um mich alles immer mehr. Auch das Verhältnis mit den Geschwistern Nitsche wird lebendiger. –  –
Das Juni/Juli-Heft der Sammlung enthält allerlei von Interesse. Wirst Du nicht auch einmal wieder dafür etwas betragen? Ich wollte doch, Du wärst in Göttingen, da wärst Du nicht so unerreichbar! – Wann und wo erscheint die Magie der Seele? Danach sehne ich mich auch!
Morgen habe ich in der Augenklinik eine Tabelle auf Millimeterpapier zu zeichnen, darum will ich jetzt schlafen gehen und die Augen schonen. Im Ganzen geht es bessser damit. – Übrigens noch etwas: das Bildchen von Herrn Lütke war in dem Fach, wo jetzt die Päckchen liegen. Also das ist nicht bei den verlornen. Könnte ich es doch austauschen gegen Deines! – Sei mir innig gegrüßt und grüße <Kopf> Susanne vielmals. Wie immer Deine Käthe.
[li. Rand S. 1] Waren die Herbstzeitlosen noch leidlich frisch?>