Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. September 1946 (Heidelberg/R.)


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Heidelberg. R. 29. Sept. 1946.
Mein liebster Freund!
"Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah" – und ich sitze auf dem Küchenbalkon, in der Sonnenwärme, die ich in meinem Zimmer sehr vermisse. Das Geschwisterpaar ist fort, und so bin ich Alleinherrscher und hoffe in der Ruhe zu einem richtigen Brief zu kommen. Freilich: "Ruhe" ist problematisch. Im Nachbarhaus schmettert bei offenem Fenster das Radio – sehr ordinär. Aber man muß sich eben ausschalten. Ohnehin beschäftigt es mich eigentlich beständig, daß ich und was ich schreiben will. Ist doch ganz ausnahmsweise diesmal ein Sonntagsbrief ausgefallen. Warum? So recht erklären kann ich das nicht einmal. Ich habe halt eine solche Unmenge an rückständiger Arbeit, daß ich durchaus nicht darüber Herr werde neben dem täglichen Kreislauf. Und ich möchte doch endlich einmal zu dem Gefühl des Seßhaftwerdens kommen.
Aber meine Gedanken sind dabei immer wieder in Tübingen, und ich male mir aus, wie froh Du sein wirst, wieder die gewohnte Tätigkeit aufnehmen zu können. Nur hat mich schon länger die Sorge beschäftigt, deren Berechtigung mir Dein lieber Brief bestätigt, daß Du nämlich nach der langen Zeit des Entbehrens nun mit einem zu großen Einsatz an Kraft ans Werk gehst. Ich hoffe nur,
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|Sonst kann ich mir leider nur wenig Besuch gestatten, weil man nichts Gescheites vorzusetzen hat. Ich wenigstens nicht, weil ich nicht geschickt mit dem Backen bin und die Brotmarken mir nur fürs Vollkornbrot reichen. Sonst bin ich aber ausreichend versorgt, sodaß ich neulich wieder mal die Brüder Matussek zum Abendessen hatte: eingelegte Bratheringe! Sie waren begeistert. Aber leider tut es der Dr., wie Du ihn ja kennst, nicht anders, als daß er immer Brot oder Fettmarken mitbringt. – Er hat mir dringend ans Herz gelegt, daß ich Dir melden soll, wie gern er Dir schreiben möchte, aber solange das Examen noch dauert, nicht die Ruhe dazu hat. Seine Gruppe will die Sache, die eigentlich 3 Monate dauert, in 2 erledigen, und da muß er immer in den Pausen zwischen den Stationen tüchtig arbeiten. Im ganzen geht es ihm besser. Aber der älteste Bruder hat erfahren, daß es bei ihm schlimmer wurde und ist sehr deprimiert, und die Brüder natürlich mit ihm.
Drechsler ist gestern abend wieder hier erschienen, ich weiß aber nichts über seine Absichten. Ob er Dir wohl inzwischen geschrieben hat? Und ob Wenke mit dem Koffer kam? Ich habe leider keinen Koffer mit Garderobe, den ich herbeizitieren
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| könnte, ich muß den alten Kram nach Möglichkeit instand setzen. Es ist einfach alles im Abreißen. Eine gut bekannte Schneiderin ist in Sicht, aber wie soll das alles zustande kommen, was da geschafft werden soll! – Bisher habe ich allein so nebenher genäht, aber das geht so langsam, denn außerdem gab es einzukochen: Bohnen, Tomaten, auch ein wenig Obst, Die Kartoffeln mußten in den Keller etc. – Wenn es doch nur eine Möglichkeit der Verständigung gäbe über das Entbehrliche von meinem Hausrat, das bei Euch aushelfen könnte. Aber Susanne schreibt mit Recht, der Transport wäre riskant und ist im Augenblick unmöglich, wenn man nicht einen Menschen hat, ders mitnehmen kann.
Also am Donnerstag beginnen Deine Vorlesungen! Wie gern säße ich unter den Hörern wie so manchmal in Leipzig und Berlin. – Von Hermanns Arbeit meldet Dir sein Brief. Er wird Dich freuen, wenn auch der schmerzliche Unterton vorherrscht. Wie tief empfinde ich mit Dir, daß für Dich nun nicht mehr das "Ehemals" herrscht. Und das macht mich im Tiefsten glücklich. Jetzt will ich ihm auch noch schreiben, also laß Dich für heute nur noch innig grüßen. Mit vielen guten Wünschen für Susanne und Dich imme
Deine
Käthe.

[li. Rand S. 1] Anna Weise schickte eine sehr liebenswürdige Drucksache von Pastor Jahn.