Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Oktober 1946 (Heidelberg/R.)


[1]
|
Heidelberg. 9. Okt. 1946.
Mein liebster Freund!
Nun ist doch der Sonntag wieder vorbei, ohne daß ich schreiben konnte! Du wirst gewiß beinah an meinem guten Willen zweifeln. Aber daran hat es nicht gefehlt, sondern es war mein ständiger Wunsch. Wenn ich Dir nun erzähle, was mich daran hinderte, wirst Du auch die erneute Gleichzeitigkeit unserer Erlebnisse über die Ferne hinweg fast komisch finden. Hör nur, wie es mir ging! Im letzten Brief schrieb ich, daß Gisela sich angemeldet hatte. Also am Donnerstag d. 3. kam sie – ziemlich spät – zum Kaffee und blieb zum Abendbrot. Es war sehr hübsch und ergiebig mit ihr. Sie wohnte bei Jellineks, deren verheiratete Tochter ihr befreundet ist von Königsberg her. Am nächsten Nachmittag klingelt es, so kurz nach der Essenszeit, und an der Tür steht Gretel Schwidtal, die Jüngere der Schwestern, die ich sehr gern habe. Sie blieb zum Kaffee und erzählte viel von Kassel und ihren Erlebnissen. Sie haben alles verloren bis auf etwas Garderobe. Hier war sie jetzt an der Bergstraße in Zwingenberg, um ein Kinderbett für ihren Neffen zu holen, und kam extra das Stückchen weiter um meinetwillen. Sie fuhr um 6 Uhr wieder ab, und ich
[2]
| brachte sie zur Bahn. Am Sonnabend nachmittag klingelt es, und vor der Tür steht Fridrun, die Tochter von Hans Hadlich aus Minden. Du kannst Dir meinen Schreck denken, denn sie wollte übernachten!! Sie blieb auch wirklich zwei Nächte, war aber nicht meinetwegen gekommen, sondern wegen der kranken Freundin ihrer Mutter, die sie telegraphisch gerufen hatte. Sie studiert nämlich Musik in Augsburg und hat eigentlich garkeine Zeit übrig. So ging sie also tagsüber fort, kam nur zu den Mahlzeiten und zum Schlafen. Natürlich in meinem Bett, und ich auf dem alten Lehnstuhl, in dem mein Vater so manche Nacht mit Asthma zugebracht hat. Fridrun ist ein liebes, ruhiges, ernstes und zielbewußtes Menschenkind, aber Du wirst Dir denken können, daß mir diese Kette von Besuchen erschreckend und sehr anstrengend war. Denn es ist natürlich vermehrte Arbeit, einen Menschen mit zu beköstigen. Nun hat es aber wohl damit fürs erste ein Ende. Und angenehm ist es doch auch nicht, in seinem einzigen Zimmer noch jemanden aufnehmen zu müssen. Aber sie ist sehr anspruchslos und war mit allem zufrieden, denn Umstände machte ich keine. –
In all der Unruhe waren aber meine Gedanken
[2]
| doch immer bei Deiner ersten Semesterwoche, und ich hoffe, Du wirst mir am Sonntag davon berichtet haben. Möchtest Du Dich nicht in der Freude der erneuten Arbeitsmöglichkeit überanstrengt haben! Die Morgenstunden werden nun bald im Dunkeln anfangen, denn seit die Sommerzeit aufgehört hat, merkt man sehr das Abnehmen der hellen Tagesstunden, und es wird auch rapide kalt. Gut daß Ihr eine sonnige Wohnung habt. Mein Nordzimmer ist ein Kellerloch, und ich sehne mich nach meiner hellen kleinen Wohnung. An den späten warmen Tagen, die wir vor kurzem noch hatten, war ich viel auf dem Küchenbalkon. – Wie ist Deine Hörerschaft? Sind es viel Württemberger oder Auswärtige? Sind Vielversprechende dabei? – Wie gern wäre ich in den Übungen über "die Bestimmung des Menschen", das habe ich im Meiringer Tal in der mächtigen Alpenwelt mit Begeisterung gelesen. – Dagegen kann ich mir unter Soziologie des Wissens nichts vorstellen. Ich will es mir mal von Matussek erklären lassen. Ja – Matussek! Er hat jetzt die Hauptstationen hinter sich und denkt in knapp 3 Wochen fertig zu sein. Bisher steht sein Examen auf I. Aber sein Befinden und seine Stimmung schwanken.
[4]
| Nach dem Examen denkt er womöglich mal nach Tübingen zu kommen, und dann wird er Volontärassistent in der Psychiatrischen Kl. – Vom 15. September ist Dein letzter Brief, mein liebes Herz, und heut haben wir schon den 9.X. Das ist eine lange Zeit. Ich selber schreibe überhaupt nicht mehr, denn ich habe mit den Nebendingen des Lebens zu viel zu tun! Helga Saß, die jüngste Tochter von Hermann, hat am 21. Sept. eine kleine Adelheid bekommen. Und von Mädi erwarte ich täglich eine ähnliche Nachricht. Gratuliert habe ich noch nicht!!
Alles geht hier Bucheckern sammeln. Ich kam nicht dazu und fürchte, es wird nichts mehr damit weden. Es regnet auch täglich. Außerdem behaupten alle, es sei zu anstrengend. Doch das Öl ist doch so nötig! Vielleicht verschreibt mir Frl. Dr. Clauß ¼ l Milch und Nährmittel.? Denn die Altersmilch, die gegeben wird, ist nur entrahmte. Man ist ja so abscheulich hinter allem Eßbaren her! Dabei haben wir es doch so viel besser als Ihr und das denke ich immer mit Bedauern. – Jetzt, 10 Uhr abends, will ich diesen Brief noch in den nahen Postkasten bringen, damit er morgen um 7 Uhr mit fortgeht. Und tausend innige Grüße und Wünsche gehen mit!
Deine Käthe.