Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Oktober 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20.X.1946.
Mein geliebter Freund!
Diesmal hatte ich eigentlich gehofft, schon vor der Zeit wieder schreiben zu können, aber es kam nicht dazu. Nun ist aber heut, zum Sonntag, mein Zimmer geheizt, und so hoffe ich, soll es auch ein recht gemütlicher, "warmer" Brief werden. Die letzten zwei Tage habe ich sehr üppig gelebt: gestern den Geburtstag von Rösel Hecht mitgefeiert mit Obst- und andern Kuchen, und heute sehr behaglich bei Frau v. Schoepffer zum Mittagessen. Im Zusammenhang damit möchte ich Dir gleich erzählen, daß sie mit Eifer davon sprach, daß Du gewiß einen Mathematiker Müller-Treffzer kennen lernen würdest, der ein so gütiger Mensch und treuer Sohn und ihr Wahl-Neffe sei. Er ist, solange seine Mutter lebte, immer zwischen hier und Tübingen wöchentlich hin- und hergefahren und hat an beiden Orten gelesen. – Du wirst begreifen, wie schmerzlich mir es ist, daß jetzt jeder Verkehr zwischen dort und hier unmöglich ist! Und dabei droht auch noch eine Verschärfung dieses Zustandes!
Deine beiden Aufträge sind nun auch erfüllt, teils mit, teils ohne Erfolg. "Der sentimentale Mensch" ist bei mir, der Hut nicht – leider! Letzterer ist "aus Pietät" nicht abzugeben. Ich hatte den Weg über das jüngere Ehepaar eingeschlagen, die
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| gleich sehr bereitwillig waren, aber die Anfrage des Sohnes stieß bei der alten Frau direkt auf energische Ablehnung, zur Entrüstung der ganzen Familie. "Do kannscht nix mache", sagt die Aenne Knaps! Bei Wilfriede fand ich mit Hilfe eines zufällig vorbeikommenden Briefträgers das rechte Haus und traf sie um 10 Uhr noch bei der Toilette. Sie bliebe der Kälte wegen lange im Bett. (Sehr begreiflich.) Aber da sie doch neugierig war, mich zu sehen, erschien sie in einem Empfangszimmer im Morgenrock und erkundigte sich natürlich sehr nach Dir. Mit dem Verbot, Dir davon zu schreiben, erzählte sie, daß sie hier sehr im Zweifel über die Wahl des oder der Dozenten für ihre Examensvorbereitung sei und darum schon länger an Tübingen gedacht und sich dort bei einer Freundin angemeldet habe. Nun hätte sie damit gern den Besuch Deiner ersten Vorlesung verbunden, die Freundin aber hätte das falsch aufgefaßt. Na, Du wirst wissen, daß vielleicht die "falsche Auffassung" auf ihrer eigenen Seite ist. Jetzt ist sie nun entschlossen, hier zu bleiben. Ich habe ihr übrigens im Laufe des Gesprächs erzählt, daß Du auf der Durchreise zwei Tage hiergeblieben seist, was sie sichtlich beeindruckte. Es ist nur ein Glück, daß niemand
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| vorher etwas davon wußte, denn es ist nicht so einfach, einen so viel verehrten Mann mal etwas nur für sich zu haben. Auch Frau Dr. Frobenius sagte, wenn sie von Deinem Hiersein gewußt hätte, würde sie Dich gern gesprochen haben!! –   Und doch bin ich so froh über die allgemeine Verehrung, die Dir auch von den Berlinern so dankbar bezeigt wird. Das wärmt mich noch besser als der Ofen in meinem Eiskeller. –
Von Matussek habe ich nichts in der letzten Woche gehört. Bis zum Beginn des Novembers wird das Examen fertig sein. Und wenn er dann wirklich zu Dir durchdringen sollte, will ich ihm das wichtige Päckchen mitgeben, dessen Aufbewahrungsplatz mir jetzt nicht wieder entfallen ist. – Ich möchte ihm nun gern eine Freude machen. Glaubst Du, daß dazu ein Schreibmaschinen-Exemplar geeignet ist von der Vorlesung über Entwicklungspsychologie vom Kursus der Wehrbetreuungssanitätsoffiziere 1942? Oder hättest Du selbst vielleicht diese 111 Seiten gern wieder? Überhaupt, es sind doch bei mir aus den früheren Jahren alle von Dir erschienenen Drucksachen. Ist davon etwas, was Dir vielleicht abhanden gekommen ist? Es ist
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| sehr schön für mich, daß jetzt die gute Anna Weise mich mit erreichbaren Drucksachen über Dich und von Dir versorgt. So schickte sie mir kürzlich auch den feinen und energischen Aufsatz im "Tagesspiegel". – Außerdem aber halte ich mich an ältere Sachen und habe mit großer Aufmerksamkeit und vertieftem Verständnis "Über Schillers Geistesart" wiedergelesen. – Solche Lektüre geht freilich immer nur portionsweise, abends im Bett, bis mir das Blatt plötzlich aus der Hand kippt. – Ich kann überhaupt viel schlafen, und das ist Kalorienersatz. Wie steht es denn mit den letzteren jetzt bei Euch? Kennst Du die Rede: früher gab es Vitamine, jetzt gibt es Kalorien, wann wird es denn was zu essen geben? Übrigens auch aus dem Trinken wird es nichts. Die Flasche Wein ist mir nicht verschrieben, nur ¼ l Milch [über der Zeile] täglich und 1/8 Butter [über der Zeile] in der Woche, wegen zu wenig Hämoglobin im Blut. Auf Grund dessen hoffe ich auch noch auf einen Zuschuß an Heizmaterial. – Und so bin ich glücklich wieder beim Ofen angelangt, der übrigens inzwischen ausgegangen ist. Also will ich nur schlafengehen und vielleicht mal wieder im Traum die Freude Deiner Gegenwart haben wie vor einigen Tagen. Sei mit Susanne herzlich gegrüßt, und grüße auch Ida.
In treuer Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand] Ich habe mir das Buch von Meineke bestellt. – Ob ich es bekomme?!

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3.
Mit einer Aufbesserung meines Gehirns ist es noch nichts! Denn das, weswegen ich rascher als sonst hatte schreiben wollen, habe ich überhaupt nicht erwähnt. Also höre und freue Dich mit mir: Als ich in voriger Woche mal wieder Mut faßte und den Restbestand meiner Sachen bei Buttmi's inspizierte, fand ich zu meinem Schrecken in 3 Koffern, die ich leer glaubte, noch allerlei verpackt, ziemlich viel Gerümpel. Und in dem 3. – waren die verlorengeglaubten Bilder!!! Wie froh bin ich, Dein liebes Bild nun nicht in fremden
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| Händen denken zu müssen! Auch die kleine Radierung von der Reichenau ist da, wenn auch mit aufgeweichtem Rahmen. Es ist wie ein kleiner Abglanz Deiner verdorbenen Bücher, daß die paar Bücher, die auch dabei sind verschimmelt sind. Denn in dem Keller hatte es von der Decke gerade auf den Koffer getropft. – Jetzt möchte ich nur noch wissen, was damals außer den Zeichenutensilien noch in No. 44 blieb. Denn ich erinnere mich deutlich, daß noch etwas dabei war.