Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Oktober 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Okt. 1946.
Mein liebster Freund!
War das eine Freude, als nun endlich das lange verzögerte, viel vom Schicksal verfolgte Buch kam! Habe Dank! Ich besehe mirs immer wieder und freue mich auf die Abende, an denen ich mich gesammelt damit befassen kann. Jeder, der kommt, muß es bewundern! Dagegen ist mir Meinecke noch nicht erreichbar, aber in Aussicht gestellt.
Auch bei uns ist es empfindlich kalt geworden, dazwischen auch Regen und Sturm. Aber noch läßt sich die Sonne nicht ganz verdecken. Nur ich habe nichts von ihr. Umso mehr freut michs, wenn sie Dich wärmt. Sie hat auch viel an Dir gutzumachen. Hoffentlich ist nun auch das entsprechende Holz dazugekommen. Ich habe vorige Woche 1 Ctr. Briketts ins Haus geholt. Man bekommt die Heizung wohl so tropfenweise, damit alte Leute nicht zu schwer daran zu tragen haben. Ein neuer Nachteil meiner Vertreibung ist noch, daß ich als Untermieter nur die Hälfte an Brennstoff bekomme wie die Haushalte, obgleich ich doch einen selbständigen Haushalt führe. Aber ich hoffe auf Zusatz wegen Alter und auf Krankenschein.
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Vor acht Tagen war Maria Dorer plötzlich da, erst während meiner Abwesenheit, dann aber konnte sie zum Abend bleiben. Sie war sehr froh über die guten Nachrichten von Dir, die ich Dir geben konnte. Von Jugenheim berichtete sie, daß dort die Ausbildungszeit verlängert wird, und es wären viel eifrige Hörer. Aber sie meint doch auch, daß es natürlich so für Dich besser wäre, wie es gekommen ist. Sie zeigte mir mit Freude das Diplom über das Bestehen des Medizinischen Staatsexamens. Was sie nun damit will, ist mir nicht klar, denn sie steht ja fest in anderem Beruf und kann das Pflichtassistentenjahr garnicht machen.
Auch Matussek ist "Samstag" mit der Sache fertig geworden, überwiegend mit I. Am Mittwoch werden die Brüder bei mir zu Abend essen, Rotkohl! – Er wollte Dir schon schreiben und kommt selbstverständlich nur auf Verabredung. Es kann im letzten Drittel des November sein. Für Paß und Unterkunft tut er bereits Schritte; er geht diesmal nicht über die grüne Grenze. –
Hoffentlich ist der Abstand von den amerikanischen Fleischtöpfen nicht mehr allzu groß und [über der Zeile] sind keine äußeren Sorgen mehr nötig. Denn sonst hat sich ja alles nach Wunsch gefügt, und Du kannst die
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| erneute Tätigkeit freudig genießen. Also auch an das Hauptseminar haben sich jetzt mutige Leute gewagt! Hoffentlich ist jetzt, wenn alles eingespielt ist, die Anstrengung nicht zu groß. Aber daneben solltest Du jetzt nichts mehr annehmen, denn Du bist nur befriedigt, wenn Du mit frischer Kraft zu Deiner Zufriedenheit schaffen kannst.
Wie schön ist es, daß die herrlichen Goethe-Aufsätze nun wieder in alle Welt gehen! Ich fühle es lebhaft, wie Dir das nach dem langen Schweigen wohltut.
Von mir ist weiter nichts zu berichten. Ich lebe dem Alltag und plage mich redlich. Der Krankenschein sagt: Kreislaufstörungen und Arthritis – also weiter nichts zu machen. Aber ich nehme gern den Zusatz an Nahrung und Heizung in den Kauf. – Übrigens solltest Du den Gewinn an Öl, den die eifrigen Buchelnsammler sich verschaffen, nicht verachten. Bei mir hat es freilich nicht gelohnt, ich habe zu spät damit angefangen. Aber der Fettmangel ist an meinem kümmerlichen Zustand doch mit schuld. Aber ich hätte es ganz gut machen können, habe den
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| Versuch weder mit Schmerzen noch mit Erkältung bezahlt.
Wenn ich doch nur erst einmal wirklich mit allem in Ordnung wäre! Aber – wie heute Frl. Mathy sagte – man schafft immer nur 1/10 von dem, was man wollte. Es ist eben zuviel so ohne alle Hilfe!
Aber das soll keine Klage sein, nur eine Feststellung. Ich komme eben dadurch zu keiner inneren Ruhe und gewohnten Beschaulichkeit. Ich bin einfach zu müde, um mich zu mehr als dem Notwendigsten aufzuraffen, und alles bleibt Notbehelf. Darum laß Dir für heute mit diesem dürftigen Schreiben genügen, und mit der Gewißheit, daß es in meinem Herzen besser aussieht als in meinem Kopf.
Grüße Susanne sehr herzlich, und sei selbst in alter Treue gegrüßt von
Deiner
sehr alten Käthe.