Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. November 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Nov. 1946.
Mein geliebter Freund,
Der Sonntag bringt wieder einmal die erwünschte Schreiberuhe und dabei auch ein leidlich warmes Zimmer. Hoffentlich bist auch Du für die Wärme nicht mehr ausschließlich auf die Sonne angewiesen. Am Vormittag habe ich heute auf dem Sparöfchen gekocht, das ich an das andre Ofenrohr anschließen ließ, und jetzt brennt der kleine Zimmerofen, und ich finde es bei 12° R ganz behaglich. –
Vorhin war Dr. Drechsler da, der im Haus nach dem Rechten sehen wollte. Er sparch auch kurz bei mir vor und erzählte, daß er einen Brief von Dir noch nicht beantwortet habe, weil er hoffte, Dir gleich etwas Konkretes melden zu können. Aber das verzögert sich, wie alles jetzt (außer Deiner immer bereiten Hilfeleistung!) und er ist gleich etwas nervös. Vorige Woche war er auch krank mit Rippenfellreizung, was wohl recht zur Vorsicht mahnt. Er arbeitet aber auch in einem Nebenzimmer, mit Mantel und Hut angetan, und leidet unter der Kälte. So geht es jetzt der
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| Intelligenz in Deutschland. –
Meine Heizung ist jetzt so weit sichergestellt, wie es für jeden Haushalt gilt. Die Herabsetzung für Untermieter fällt fort. Ich bin dafür 3x auf dem städt. Kohlenamt gewesen, 2x um 6 Uhr aufgestanden, da man nach 8 Uhr ewig warten muß. So war ich die Vierte. –
Matussek ist für einige Tage zum Vater nach Marbach, geht dann gleich nach Westphalen und wird zu Dir nur kommen, wenn Du den Tag bestimmst. Sein Paß wird für das letzte Drittel November gültig sein, innerhalb dieser Zeit also kannst Du wählen, wenn es Dir recht ist. Er möchte Dich aber keinesfalls stören, wenn Du keine Zeit dafür hast. – Er selbst wird dann Assistentenstelle in der Psychiatrischen Klinik antreten. –
Dein liebes, herzliches Goethebuch ist meine tägliche Abendlektüre. Es war mal wieder eine Gabe so ganz zur rechten Zeit und hat geholfen, mich aus der Lethargie zu reißen, die quälend auf mir lag. Denn das Seltenheitsexemplar von früher lag immer noch sorglich verpackt bei den Luftschutzsachen. Es ist in diesen Aufsätzen eine solche Fülle von lebenweckenden Gedanken, daß man der aufrüttelnden Kraft gar nicht widerstehen kann. – Lieber, Einziger
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| sei nicht böse, wenn ich Dich bitten möchte, mir durch Deine Vermittlung, aber auf meine Kosten, 2 Exemplare vom Verlag schicken zu lassen. Hier heißt es immer bei allem: "ist vergriffen", und den Meinecke habe ich noch nicht.
Nach und nach kommen nun durch allerlei freundliche Vermittlung die aufbewahrten Sachen aus Dielbach wieder zu mir. Denn zum Selberholen will es durchaus nicht kommen, so gern ich hinführe. Aber jetzt ist es wieder rauh und kalt, da fürchte ich den Winterhauch. Unter dem Sofa werden die großen Pakete nun erst mal stehen müssen, denn sonst ist kein Raum für sie verfügbar. Aber da verdrängen sie anderes, und wohin soll das??! So bin ich ständig in Bedrängnis, und es nimmt kein Ende mit dem Überlegen und Ordnen. Es ist mein dringendes Verlangen, endlich einmal zu einem stabilen Zustand zu kommen. Ich habe das Gefühl, als wäre alles nur vorübergehend.
Die Frau von Günther Ruge hatte meine Nähmaschine haben wollen, aber ich kann sie nicht entbehren. So will ich den unbenutzten Gasherd dafür eintauschen, und habe bereits mit zwei glücklichen Besitzerinnen von verfügbarer Nähmaschine verhan
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|delt. Die eine hat einen schöneren Herd dafür bekommen, die andre hat mich heute Nachmittag um zwei Uhr, wo ich ohne Mittagsruhe bei Buttmis auf sie wartete, imstichgelassen. So hat man viel Lauferei und oft umsonst. – Aber mitten in diesen Brief hinein, kam auch eine Unterbrechung: Gundel Buttmi kam und holte mich zum Dampfnudelessen! Dies Gericht ist die Höhe der Gefühle für den Pfälzer. Kennst Du es? Wir Norddeutschen sind meist nicht so begeistert, aber heutzutage ist auch das nicht zu verachten. Sehr hübsch war aber das Zusammensein; Mutter, die Töchter und die für die Ferien anwesende Vera, die jetzt in Bonn beim Vater lebt. Sie erzählten Wunderdinge vom Schwarzen Markt. Wenn das alles wahr ist, dann müßte man an einem Besserwerden verzweifeln und sähe noch weitere Katastrophen voraus. Das Gefühl für Moral scheint in allen Kreisen verloren zu sein. Selbst in Studentenkreisen scheut man bewußten Diebstahl in Instituten und Privathäusern, die demoliert und unbeschützt sind, nicht. Ich hoffe nur, daß Besucher des Kantkollegs da eine Ausnahme machen!
Über dem ist es spät geworden, und ich bin sehr schläfrig. So laß Dich nur noch von Herzen grüßen und Dir in ständigem Gedenken viel Gutes wünschen. Grüße auch "Deinen Harem".
Deine Käthe.

[li. Rand + Fuß S. 1] Wenn Ihr jetzt wieder Briefmarken habt, könntest Du, bitte, mal frankieren: 3x8, u. mal 2x12. Die unvollkommene Scheibe sammelt für ihre Nichte.