Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. November 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg, 17. Nov. 1946.
Mein liebster Freund,
diesmal war ein Sonntagsbrief ausgefallen, aus macherlei Gründen, vor allem wegen der Kälte. Denn in meinem Eiskeller ist es auch heute, bei andauerndem Heizen nicht ganz 13°R geworden. Ich habe es dahin auch nur gebracht, weil ich neben dem hiesigen kleinen Ofen noch mein Sparherdchen angesteckt habe. In der Küche aber, wohin ich mich öfter flüchtete, kann ich nicht schreiben, da nehmen Geschwister Nitsche allen Platz am Tisch ein. In der vorigen Woche hatte ich Schneiderei in meinem Zimmer,x [li. Rand] x und Sonntag war ich bei Frau Heraucort, wo aber leider allerlei Besuch dazwischen kam. und da bleibt immer viel Arbeit an Näherei für mich übrig, die neben dem Täglichen gemacht werden muß, und die Kälte lähmt mich körperlich und geistig – kurz, ich bin hier in jeder Hinsicht in einer frostigen Umgebung! Da war es eine wohltuende Überraschung, daß mich Frau Dr. Frobenius sehr liebenswürdig zu einem kleinen Damentee einlud. Die Atmosphäre war ja ein wenig bewußt "vornehm", aber es wurde allerlei Interessantes erzählt und Gutes gesprochen. Man wurde warm, innerlich und äußerlich. Auch Frau Dr. Marie Baum fand ich im persönlichen Verkehr liebenswürdig und natürlich. Wir gingen zuammen bei rabenschwarzer Nacht einen unbekannten Weg in Ziegelhausen am Berg zurück zur Fähre und sie sagte, als wir uns mit
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| Bedenken zurecht tasteten: sie hätte mich in Obhut nehmen wollen und nun sei sie froh, nicht allein zu sein! –
Damit hast Du so ziemlich alle Ereignisse der letzten Zeit! Der befreundeten Markscheide bin ich leider räumlich fern gerückt und auch sonst hört eigentlich jeder menschliche Verkehr auf. Ich ringe noch immer vergeblich darum, die Hände und den Sinn frei zu bekommen, für Anderes als den Kampf für das tägliche Dasein. Ich bin ja nicht so undankbar, daß ich nicht einsähe, wie gnädig sich die Verhältnisse für mich gestaltet haben im Gegensatz zu vielen anderen Menschen. Aber äußerlich werde ich einfach nicht Herr darüber. Es sind so unendlich viel kleine beständige Schwierigkeiten zu überwinden bei der Arbeit in dieser Enge, und im Verkehr mit den Hausgenossen, daß ich zu keinem Ausgleich der Kräfte komme. Es ist nur ein Vegetieren seit dem Juli mit immer neuem vergeblichem Aufraffen. – Die einzigen wirklich guten Stunden sind die abends vor dem Einschlafen mit einem guten Buch wie jetzt Deinem Goethebuch. Bei vielem ist es mir, als hätte ich es noch nicht gekannt. Ich sehe, daß ich mich nicht nur äußerlich sehr verändert haben muß. Ich bin ganz alt geworden; und es überkommt mich häufig eine bleierne Müdigkeit.
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| Dann muß ich immer an mein geliebtes Großmütterchen denken, die zu sagen pflegte, wenn man nach ihrem Befinden fragte: "faul!" Denn bei tausend Dingen, die ich tun möchte und sollte, denke ich: lieber morgen, erst möchte ich ausschlafen! Wohin soll das führen?!
Und andre sind so tätig, daß ich sie beneide! Oder ich freue mich daran, wie bei Dir! Ich freue mich, wenn Du es gesundheitlich leisten kannst! Das ist mein einziges Bedenken; aber Du weißt ja selbst, daß Du bremsen mußt, um durchzuhalten. –
Daß doch so viele Menschen immer noch reisen können und Dich in Tübingen heimsuchen! Manche haben wohl garnichts Sicheres über Deine Übersiedelung gewußt? – Wie ging das Zusammentreffen mit Wenke? Und was ist mit Matussek beschlossen? Ich habe nur dem Bruder von Deiner so ausgefüllten Zeit berichten können und ihn seitdem auch nicht mehr gesehen. – Mein Eindruck von Wilfriede Haberkorn war übrigens nicht eigentlich ungünstig, aber ich möchte sagen: unreif. Sie hat es ja auch besonders schwer, mit dem Leben zurecht zu kommen, und sucht wohl den Ausgleich von außen.
Eine wirklich Freude ist aber der Brief von Johanna Richter.x [Fuß] x den ich wieder zurückschicke als Einlage in diesem. Sieh, das ist aufgegangene Saat! Und wie wohl tut auch das Verständnis fürs Vaterland und das Mitgefühl für die alten Freunde.
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Von Mädi kam nun endlich die Nachricht von der glücklichen Geburt des dritten Jungen. Ich hatte doch so sehr ein Mädelchen für sie gewünscht, das wäre eine so schöne Ergänzung im Hause gewesen!
Eigentlich wünschte ich doch, daß aus dem Besuch von Matussek etwas würde. Ich habe so allerlei, was ich Dir gern mitschicken möchte, vor allem aber die zwei eingeschriebenen Briefe. Wenn nun die Sache mit Wenke heute zustande kam, gehts vielleicht am 23.? Der Plan mit dem Hut ist leider an dem Starrsinn der alten Frau B. gescheitert. –
Hoffentlich könnt Ihr Euch jetzt mit eignem Holzfeuer wärmen. Aber Ihr werdet die Erfahrung machen, daß es mehr den Schornstein als das Zimmer heizt, besonders wenn das Holz feucht aus dem Walde kommt. Und die Sonne macht sich jetzt rar, leider. Für mich freilich einerlei! aber ich denke doch bei allem an Dich. Mit der Garderobe sind wir übrigens mal wieder im gleichen Fall.
Nun muß ich noch an Mädi schreiben, darum für heute aufhören. Es grüßt Dich innig in unaufhörlichem Gedenken
Deine
Käthe.

[] Auch Susanne viel liebe Grüße und an Ida ebenfalls. – Sind die Pakete aus Berlin gekommen?