Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. November 1946 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg, 25. November 1946.
Mein lieber Freund!
Du hast es wohl gespürt, wie sehr ich solch eine kleine Tröstung brauchte, daß Du mir den lieben Zettel vom 1. Okt. mitschicktest! Habe Dank für diese Wohltat, und überhaupt auch für Deinen Brief. Es war viel mitzuteilen, aber die Hauptsache war leider garnichts Gutes. Wie sehr wünsche ich, der üble Katarrh sei jetzt überwunden. Denn ich bin garnicht einverstanden, und Susanne wird es auch nicht sein, daß Du mit Fieber die Vorlesungen fortgesetzt hast. Man macht zu leicht durch solchen Mangel an Schonung eine Sache langwierig, die bei vernünftiger Behandlung rasch zu überwinden wäre. – Aus lauter Sympathie habe ich seit 2 Wochen auch einen Schnupfen, kein Wunder bei dem Fauchen und Schnauben rundum. Aber mit der milden Temperatur ist er auch mäßig geblieben, wie ich überhaupt jetzt auch weniger friere. Die Verpflegung ist bei uns auch durchaus genügend, und ich kann Dir auf Deine teilnehmende Nachfrage versichern, daß ich allerlei gute Vorräte habe, so daß ich mir sehr vermögend vorkomme. Man empfindet es sogar beinahe wie ein Unrecht gegen all die vielen, die jetzt Not leiden. Um welchen Preis mußt Du die 2. Lebensmittelkarte erwerben? Die Denkschrift über Lehrerbildung etwa? Für wen ist sie?
Heute war Ursel Kohler ½ Stündchen bei mir. Der Vater ist noch immer in Frankreich, jetzt in einem Lager, nicht mehr im Einsatz, und hofft mal wieder auf Entlassung. Auch Hermann muß immer noch
[2]
| Geduld haben, und obgleich sie eine Aufenthaltsgenehmigung für Minden und Wohnungsbescheinigung für Essen haben, müssen sie warten, weil zuerst die befördert werden, die vor 39 im Westen wohnhaft waren. So heißt es, den kalten Winter ausharren.
Ist denn nun endlich Euer Holz da? Ich habe wieder Ctr. bekommen, aber recht naß. Hoffentlich ist Eures abgelagert – und nicht im Wald gestohlen! Ich habe noch immer altes vom vorigen Jahr; aber es ist so milde Witterung, daß man sehr sparsam damit umgehen kann, ohne deswegen frieren zu müssen. Ich bin sogar gegen starke Heizung jetzt empfindlicher als gegen keine.
Wie wird es denn nun mit den Sachen, die Wenke in Aufbewahrung hat? Bringt er sie vielleicht mal nach Tübingen? Also am 30. Nov. wird Matussek dort sein! Wie ich ihn beneide! Er wird Dir die 2 eingeschriebenen Briefe mitbringen. Gern gäbe ich ihm noch sehr viel Anderes mit, aber er kann nicht viel Gepäck mitnehmen, vor allem wegen der Zonengrenze. Ist denn bei Herre's außer den Nachrichten aus der großen Welt nicht auch einiges Reelle aus der Nähe zu haben? Es quält mich ständig, Euch da in Not zu wissen und selbst so gut versorgt zu sein. Für mich sorgen immer so liebenswürdig allerlei Freunde: Matussek, Kohlers u.s.w. mit Zuschuß an Marken, so daß es mir geht wie Mirjam im Golem: wenn mal etwas vorzeitig zuende geht, ist schon Ersatz da.
[3]
| Am 2. Dez. bin ich bei Schoepffer's zum Abendessen und am 3. bei Frl. Schupp zu Mittag. Das ist immer so hübsch, nicht selbst sorgen und kochen zu müssen. Wenn ich doch nur einmal Zeit und Kraft aufbrächte, die aufgestapelten Bücher zu sortieren und unterzubringen! Aber es ist immer noch allzuviel Anderes eiliger! Es fehlt auch der Raum, um die Sache übersichtlich zu ordnen!
Die Artikel im Tagesspiegel hoffe ich morgen durch Matussek zu bekommen. Ich bin sehr gespannt, sie zu lesen. –
Mit Freude bekam ich heute einen Brief von Bertha van Anrooy, die, in ähnlicher Lage wie ich, in Warnveld lebt. Nur hat sie noch eine eigne Wohnung. Das ist viel wert! Aber sie war recht krank und schreibt sonst von ähnlichen Schwierigkeiten, wie wir sie haben. –
Es war mir sonderbar, daß wir beide einmal wieder gleichzeitig an gleiche Erlebnisse gemahnt wurden: Du durch Kühne's, und ich durch Dr. Baum; Letztere ist im Vorstand des Heubergs gewesen und sprach vor allem von Frl. v. Tadden und ihrem Ende. Das mahnte mich an jenen Tag dort oben und an Sigmaringen, vor allem aber an Geh.rat Kühne, der mir so besonders sympathisch war und den ich bei der Abreise in Ulm noch einmal traf. Nun war seine Frau gerade bei Dir! – Wenn der Brief nicht wieder um einen Tag verzögert werden soll, muß er jetzt fort. Sonst kommt er noch später als Matussek. Hoffentlich wird der mir recht viel und Gutes zu berichten haben. – So breche ich für heute ab, mit vielen, vielen Grüßen, besonders an Dich, von
Deiner
Käthe.