Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Dezember 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg, 8. Dezember 1946
Mein geliebter Freund!
Nun ist bereits eine Woche seit der Rückkehr von Matussek vergangen und ich habe ihn nur für einige Minuten gesehen. Er hat mir die beiden schönen Bücher gebracht, für die ich Dir sehr herzlich danke, ist aber vorläufig sehr von der Klinik in Anspruch genommen. Und ich hätte mir doch gern recht viel unter dem frischen Eindruck erzählen lassen. Bei meinem Versuch, auch hier ein Exemplar v<hier Tintenklecks> [li. Rand] Verzeih diese Verzierung! Es war der bösartige Füllfederhalter! Goethebuch aufzutreiben, ist es wirklich bei einem einzigen geblieben. Ich habe alle mir bekannten Läden aufgesucht; in manchen wußte man davon, hatte es aber schon verkauft, oder an die Institute gegeben etc. – kurz, ich bin Dir besonders dankbar für Deine "Zuwendung", denn ich hätte noch so manchen gewußt, dem ich es gern geben würde. Diese drei bekommen Frl. Dr. Clauß, Frl. Schupp, Frau Frobenius – alle drei aus persönlichen Gründen, auch weil sie dort sicherlich nicht vergraben sind, sondern auch andern zugänglich.
Noch für Anderes habe ich Dir zu danken, nämlich für den lieben kleinen Brief vom 3. Dezember, der mir so liebevoll zuredet, "innere Ruhe" zu bewahren, und für die prompte Übersendung der 8 <altes Pfennigzeichen> Marken.
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| Was nun die innere Ruhe betrifft, so fehlt sie nur insofern nicht, als ich eigentlich immer irgend etwas suchen muß. Ich bin durch die schreckliche Enge und die ungewohnte Verteilung der Sachen noch immer nicht wieder zur endgültigen Ordnung gekommen. Aber was den Seelenfrieden anbelangt, so ist er als ständiges, wärmendes Bewußtsein in mir, seit ich Dich wieder in freudiger und befriedigender Tätigkeit und Umgebung weiß. Ein wenig labil ist das nur manchmal durch die Sorge wegen der Ernährung gewesen. Aber ich lasse mir gerne weißmachen, daß es jetzt damit bessergeht. Und sowohl Dein letztes Schreiben als auch Susannes liebes Briefchen tragen zu meiner Beruhigung bei.
Eine andere Sorge war das längere Ausbleiben von Nachrichten von Ruges. Aber auch das hat sich als unbegründet erwiesen. Nur der Armen am Skagerak denke ich mit viel Kummer, wenn der Nordwind an meinen Fenstern rüttelt. – Wie es übrigens mit meinem Zimmer werden soll, wenn erst wirklich Frost einsetzt? Ich habe heute von früh an geheizt und brachte es wieder nur langsam auf 12°R. Die Kälte hat von jeher auf mich einen lähmenden Einfluß, wie viel mehr jetzt nach der Katastrophe, der allgemeinen und der persönlichen!
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An allem, was Du berichtest, nehme ich aber lebendigen Anteil. Weißt Du, ich muß oft denken: wie es von Maria in der Bibel steht: "sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. So geht es mir und wenn Du mir von Deinem treuen Gedenken schreibst, das ich mit steter Dankbarkeit empfinde, dann ist mir warm und geborgen. Auch sonst bewegt mich eigentlich beständig irgend ein stilles Gedenken aus unserem gemeinsamen Leben und entrückt mich dem inhaltslosen Betrieb des täglichen Lebens. – Mein einziger, noch immer unerfüllter Wunsch ist, wieder so bei Kräften zu sein, um diesen Betrieb auch wirklich ausreichend durchzuführen. Es ist aber noch immer so so unendlich viel Unerledigtes, daß ich nicht weiß, wie ich damit durchkommen soll. Wenn ich Dir davon die Einzelheiten aufzählen wollte, würdest Du nicht meinen, es müsse doch zu bewältign sein. Denn ich muß ja alles ohne Hilfe machen, heizen, Holz hacken, Boden putzen, flicken – und es zerreißt auf einmal alles!!
– Am Dienstag will ich auch einmal abends ausgehen, was ich aus Müdigkeit immer unterließ, so sehr schöne Konzerte und anderes lockten. Es handelt sich um einen Vortrag von dem Antroposophen Emil Bock, dessen Buch ich mit Herrn v. Schoepffer
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| zusammen las, und das mich durch seine Klarheit so fesselte. Thema: Die neue Reformation.
Wer ist eigentlich der Gewichtige, der sich bei Weitsch so "wichtig" machte? Ob Du es M. sagtest? Auch von einem Bekannten in dem obskuren Bad Kleinen weiß ich garnichts. Ist da endlich eine Nachricht über Dein Eigentum gekommen? – Dr. Drechsler hat kürzlich in Mainz einen Vortrag gehalten, ist aber mit der Enttäuschung zurückgekommen, daß eine Lehrerausbildungsanstalt dort nicht eingerichtet wird, die ihm doch die Basis für die akad. Laufbahn geben sollte. Überhaupt ist die Fakultät schon reichlich besetzt. Aber er hofft noch. –
Wenn ich mit andern Menschen zusammen komme, wie z. B. am 4. bei Hedwig Mathy's Geburtstag, höre ich immer bei allen, Alt und Jung die gleichen Klagen: schlechtes Gedächtnis, leichter Schwindel, Augenschmerzen, nicht bewältigte Arbeit, kurz: allgemeine Schwäche. Dann sehe ich, daß mein Befinden nicht so sehr Folge des Alters ist, als Folge der Unterernährung, in früheren Zeiten genannt: Hungersnot. Dabei hat man ja immer noch zu essen und meint auch satt zu sein, aber nur für den Augenblick. Doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein, und so schöpft auch mein Leben immer von neuem Willen und Kraft aus der Verbundenheit mit Dir! Sei innig gegrüßt, und sage auch Susanne und Ida herzliche Grüße von
Deiner Käthe.