Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15./17. Dezember 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15.XII.46.
/17.XII.
Mein einzig geliebter Freund,
wie täglich habe ich die Absicht, früh zum Schlafen zu kommen, und doch kann ich es niemals erreichen. So auch heute, denn wie sollte ich nicht viel lieber noch ein Abendstündchen mit Dir in Gedanken zubringen! Von dem Besuch bei Dir habe ich leider kaum mehr als den chronologischen Verlauf und die dankbare Freude darüber erfahren. Dann noch die Nachricht, daß Du Dir über mein Befinden Sorge machtest und vorschlägst, ob nicht ein Heim dem eignen Zimmer vorzuziehen wäre? Ist die Idee in Deinem eignen Kopf entstanden? Ich meine doch, Du solltest mich besser kennen, als daß Du mir so etwas (außer im äußersten Notfall) zumuten könntest! – Eins aber bewegt mein Gemüt schon länger, ohne daß es zu einer sichtbaren Besserung geführt hätte: daß ich es als ein bedauernswertes Versagen empfinde, wie meine Briefe an Dich lediglich mit Berichten über die kleine, tägliche Misere angefüllt sind. Aber Du mußt bedenken, daß es recht wenig gibb, was nicht von diesem Milieu ablenkt und darüber erhebt, außer dem immer gegenwärtigen Bewußtsein des liebenden Gedenkens an Dich. Heute ist das wieder mit einer stillen Sorge vermischt, denn wie soll bei der Kälte Dein großes Arbeitszimmer
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| erwärmt werden? Bei mir ist es trotz Heizens von früh an nicht über 10–11°R gekommen. Aber ich bin warm angezogen und habe nicht gefroren. Auch ist mein Essen gut. Man sorgt für uns in Anbetracht der Weihnachtsstimmung mit allerlei Zuteilungen an Fisch und Nährmitteln, auch erhöhte Brotration. Hoffentlich ist das auch bei Euch damit besser und die zweite Lebensmittelkarte war keine Fata morgana.
Die Vorträge von Emil Bock haben mich recht interessiert, besonders der erste, der eigentlich schon alles Wesentliche enthält. Er spricht lebendig, ohne Pose, bisweilen sogar ein wenig drastisch. Der Aufbau entwickelte sich sehr klar und eindringlich, sodaß man ihn gut behalten konnte. Er benutzte die Äußerung von Karl Barth über seine Eindrücke bei der Reisen in Deutschland um klar zu machen, worin das Versagen der protestantischen Kirche liegt. Sehr schön sagte er, wie das Erwachen zu individueller Freiheit mit dem Verlust naiver frommer Gebundenheit erkauft wäre, und wie die heutige Frömmigkeit, ohne den Verzicht auf das Wissen, irgendwie diese Verbundenheit (Gebundenheit im Dasein, möchte ich sagen) wieder [über der Zeile] neu erlangen müßte. Er hat sehr viel anschauliche Bilder gebracht, und alles atmete die Weihe der antroposophischen Hintergründe, die etwas Kosmisches für mich haben, was mir zusagt,
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| wenn ich auch kein gläubiger Anhänger bin, sondern auf meinem eignen Wege mit Dir dem gleichen Ziel zustrebe. – Er sagte, daß nach dem Weltkrieg eine Gruppe von jungen Leuten, [über der Zeile] für dieses Suchen die erlösende Hülfe bei Rudolf Steiner fanden und dann im Anschluß an Pfarrer Rittelmeier die religiöse Erneuerung ohne kirchliche Bindungx [li. Rand] x in der Christengemeinschaft fanden. fanden. Nun, das war eben doch eine allgemeine Zeitbewegung, und es fragt sich noch, ob die Anthroposophie die Keimzelle der neuen Form des Christentums sein wird, die seiner Meinung nach durch den Protestantismus und seine Kirche nicht gegeben ist; jedenfalls ist da eine starke lebendige Anregung. Man habe allgemein das Verlangen nach einer Zurückdrängung des Wortes (der Predigt) zugunsten einer stärkeren Entwicklung der Liturgie. – In dieser Christengemeinschaft ist das die Weihehandlung, die ich einmal miterlebte und die mir wie eine schwächliche Form von katholischer Messe erschien. Wesentlich ist ihnen aber das Festhalten an der Überlieferung in der Bibel und dem Christus als Gott. –
Auch sonst war ich in dieser Woche mehr in Berührung mit Menschen, bei Schoepffers, bei Buttmi's und geradezu erleichtert durch eine größere Zugänglichkeit meiner Mitbewohner. Man spricht doch augenblicklich etwas mehr als das Allernotwendigste. Sonst, wenn ich irgendetwas
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| sagte, bekam ich zur Antwort: hm.
Matusseks haben jetzt angekündigt für die Schonung meiner Kräfte wollten sie jetzt nicht mehr zum Abendessen, sondern hinterher kommen. Das tut mir leid, und ich hoffe, sie hin und wieder davon zu bekehren, denn es sitzt sich so gemütlich am gedeckten Tisch beisammen, und die Mühe des Kochens ist für 3 nicht so erheblich mehr. Wir haben immer irgend ein bequemes Eintopfgericht zur Verfügung. Was mein Leben unruhig macht, ist nur der Druck dessen, was neben dem Täglichen liegenbleibt. Es fehlt noch an der rechten Verteilung, weil ich immer eins über dem anderen vergesse und verschiebe – es fehlt am Überblick! Doch es wird allmälig doch besser. — Soweit kam es am Sonntag, und heute wird es nicht mehr, denn 1. ist das Zimmer recht kalt, trotz des Heizens, und 2. sollen Weihnachtsplätzchen gebacken werden. Also verzeih, es kommt noch ein richtiger Weihnachtsbrief, heute nur noch viele innige Grüße und das kriegsmäßig dürftige Weihnachtsgeschenk. Erkennst Du es?
Von ganzem Herzen bei Dir
Deine
Käthe.