Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1946/1./2. Januar 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24.XII.46.
Mein geliebtes Herz!
Soeben hat es acht Uhr geschlagen und meine Gedanken sind womöglich noch mehr als sonst bei Dir. Ich sitze in der warmen Küche allein, denn die beiden andern sind bei den Verwandten zur Weihnachtsfeier. Beinah wäre ich bei Rösel geblieben, zu der ich ein kleines Angebinde gebracht habe und die mich gern da behalten wollte. Aber die Hoffnung auf diese ungewöhnlich günstige Schreiberuhe ließ mich nicht einwilligen. Aber ich hatte doch einen schönen weihnachtlichen Eindruck und vor allem war es herzerfreuend, daß sie in so beruhigter Stimmung war. Die Eindrücke in Bielefeld waren so günstig, daß sie es als ein Glück empfindet, daß sie Walter dorthin bringen konnte. Möge die Zukunft ihren Hoffnungen Recht geben.
Und wir beide? Du hast mir auch eine Zukunftshoffnung in Deinem lieben Brief gemacht, die mir das Herz wärmt – leider nicht das Zimmer auch!! Aber die Feiertage werde ich so viel auswärts sein, daß ich nicht nur äußere Wärme, sondern auch warme Freundschaft genießen werde. Ich wünsche nur von Herzen, daß auch Ihr über vielen guten und wohltuenden Eindrücken nicht zu einem schmerzlichen Vermissen kommen möchtet. Denn – trotz allem – es geht uns doch immer noch so sehr viel besser als unzähligen armen Deutschen. Ob dazu auch noch in absehbarer Zeit für uns
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| ein Wiedersehen kommen wird? Man kann es nicht wissen. Für eine Möglichkeit zu übernachten habe ich vorläufig nur zwei Ideen, aber irgendwie wird es sicher eingerichtet. Nur jetzt bei der Kälte kann ich es zu meinem Kummer nicht einmal wünschen, denn wo sollen wir auch tagsüber bleiben ohne Schaden für Deine Gesundheit?! Es ist aber schon ein Gewinn, sich Dein Kommen als möglich auszumalen. – Wie freute mich in Deinem lieben Brief der Rückblick auf die schönen Tage gemeinsamer Reisen. Ach, es war alles schön, von der ersten Begegnung an, am Weißenstein, in Griesbach, auf dem Dielsberg. Freilich erinnere ich mich noch an Hombressen!, an den alten Bauer, dem wir begegneten, und sonst noch an so vieles. Auch was Du von dem Unerlöstsein schreibst, habe ich oft so tief empfunden. Teils war es das ungestüme Vorwärtsstreben in Dir, das ich intensiv mitempfand, und später der lastende Druck des immer als unselig empfundenen Krieges. Erinnerst Du Dich an den Maikäfer bei der Kanone auf der Mainau?
Du wirst natürlich wieder gewissenhaft unzählige Briefe geschrieben haben und ich, außer an Dich, keinen einzigen. Es ist ganz unmöglich bei der Kälte. Ich bin auch so kopfmüde davon, daß ich am liebsten immer schlafen würde. Und so geht
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| das Leben dahin in der täglichen Selbstversorgung. Das ist ein rechter Kummer, daß ich mich so nutzlos fühle. Nicht einmal für Dich hatte ich etwas Hübsches zu Weihnachten, und Du schicktest mir das Buch der Marianne Weber, von dem hier alles spricht und das ich auch gern lesen wollte. Es kam übrigens drei oder zwei Tage vor Deinem Briefe an, und ich danke Dir herzlich dafür.

Am 1. Januar 1947. bei Rösel Hecht.
So lange blieb der angefangene Brief liegen zu meinem Kummer, denn teils die große Kälte, teils eine ungewohnte Geselligkeit ließen mich absolut nicht zum Schreiben kommen. Aber Du in Deiner Güte hast mich trotz Deiner Überlastung mit Korrespondenz mit einem lieben lieben Briefe verwöhnt. Er war mir eine so besonders innige Freude, denn er sagte mir, wie sehr Du auch meine gehemmte Situation verstehst. Habe Dank für all das Glück, das Du in mein Leben strahlst! Möchtest Du auch ohne sichtbares Zeichen gefühlt haben, wie ich von ganzem Herzen bei Dir bin und wie all meine Wünsche bei Dir sind. Um Kraft bitte ich – für Dich und für mich. Du stehst wieder in einem vollen Lebenskreis, und ich hoffe nun doch in einiger Zeit über die Verworrenheit meiner äußeren Existenz Herr zu werden. Denn im Innern ist keine eigentliche Zerstörung, nur ein Mangel an Ruhe durch den Druck von vielem Unerledigtem, das getan werden müßte. Vielleicht habe ich Dir das schon wieder und wieder geschrieben, darum will ich Dir lieber vom Verlauf der vergangenen Woche schreiben. Die beiden Mitbewohner waren sehr erfreut von zwei
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| schönen Porzellantassen und Tellern, die ich ihnen mit etwas Selbstgebackenem aufbaute. So ist die Stimmung eine freundliche gewesen und ich hoffe, das soll etwas mehr "Gemeinschaft" anbahnen. Am ersten Feiertag gab es ein sehr üppiges Essen bei Schoepffer's (Frau und deren Schwester) und dann einen friedensmäßigen Tee im Weißen Hause. Dort erfuhr ich zu meinem Schrecken, daß das 85jährige Frl. Schupp nun auch aus ihrer Wohnung muß. Ich ging auf dem Rückweg vorbei und fand sie gefaßt, aber sehr betroffen, denn die Stadt hat absolut keine Möglichkeit mehr, geeignete Wohnräume zu beschaffen. Auch der Stadtrat Reg.Baumeister Hampe kann ihr nicht wirksam helfen. Am 2. Feiertag war ich bei Hérancourt's, die erst vor 3 Tagen mit 5 Stunden Verspätung im ungeheizten Zuge von München kamen. Es war dort etwas erschöpfte Stimmung, und ich war auch müde. Ungewiß war es dann, ob ich am nächsten Tage nach Ziegelhausen kommen könnte, über den Neckar! Denn zu gehen vom Karlstor ab hätte ich mir nicht zugetraut. Aber es war eine Rinne ins Eis geschlagen, und es ging ein regelmäßiger Bootsverkehr. Bei Frau Frobenius genoß ich ganz besonders den wundervollen Blick über das ganze Tal, und die behagliche, von Kultur erfüllte Wohnung und das Materielle waren dementsprechend. Aber schön war auch das menschliche Zusammensein mit dieser Frau, die wohl etwas stark ästhetisch, aber doch innerlich erfahren und vielseitig gebildet ist. Wir hatten ein gutes Einvernehmen, und ich denke gern an das Zusammensein. – Nun bin ich heute
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| zum Übergang in das neue Jahr bei Rösel, und Du siehst, daß meine Weihnachtszeit reich gewesen ist an Wärme und menschlicher Güte, die mir geschenkt wurden. Aber in allem war ich nur empfangend, und das ist nicht leicht. Ich hoffe nur, daß ich auch endlich wieder fähig werde zu geben! Das ist mein fester Vorsatz.
Nicht einmal schreiben konnte ich, so viel wohler ich mich bei der Abnahme von Kälte doch fühlte. Sogar bis auf 12° habe ich da doch mein Zimmer erwärmen können und gedachte am Sonnabend und Sonntag auch schreiben zu können. Aber am Freitag, während ich in Ziegelhausen war, kam Auftrag von der Augenklinik schleunigst hinzukommen. Es handelte sich um eine Kurvenzeichnung, die für eine Arbeit des Prof. Engelking sofort gebraucht wurde. So ging –  – 2.I. (wieder zuhaus) – ich in die Klinik und bekam ein Vorbild zu vergrößern, was mir etwas schwierig war, auch durch verdickte Tusche und verpacktes Werkzeug. Am Sonntag [über der zeile] Montag machte ich es noch einmal mit mehr Glück. Aber ich war doch recht deprimiert, weil es mir Sorge macht, daß die Augen nicht so recht ausreichen wollten. Ich bin nur froh, daß der Professor die fertige Zeichnung sehr gut fand. –
Unmittelbar nach der Ablieferung am Dienstag ging ich zu Rösel und blieb dort, sehr verwöhnt von ihr und sehr angenehm ausruhend bis heut morgen. Ich habe dabei auch Hanne singen hören, die bei einer Erika Schmidt in Mannheim ausgebildet wird und
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| eine angenehme und starke Stimme hat. Sie sang Arien und Lieder und hat sehr an Ausdrucksfähigkeit zugenommen.
Heute aber will ich nun diesen Zettel endlich abschicken, wenn er auch nichts von alledem enthält, was ich Dir schreiben wollte.– Das folgt also hoffentlich bald; vorläufig sollen Dir nur diese unzulänglichen Zeilen sagen, daß ich bei allem Dein gedachte, beim Glockenläuten um 12 Uhr meine Wünsche für Dich und Susanne zu Euch flogen, daß ich mit Dankbarkeit des Vergangenen gedachte und fest auf das vertraute, was nicht der Zeit unterworfen ist. Und so beginne ich mit Vertrauen und guten Vorsätzen das neue Jahr. Viel kreisen meine Gedanken um "die Magie der Seele."
In immer gleicher Liebe
Deine Käthe.