Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Januar 1947 (Tübingen/ Rümelinstr.)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

11.I.47.
Meine einzige Freundin!
In den Tagen der strengen Kälte habe ich mit besonderer Sorge an Dich gedacht. Mißt Du die Grade nach Celsius oder Réaumur? Mit 12°R. müßte man zur Not auskommen, – wenn man nicht gerade den ganzen Tag sitzt; mir genügt es allerdings nicht. Wir kommen bis durchschnittlich 13½ R. Gottlob ist die schlimme Periode wieder einmal vorbei; aber es kann noch genug kommen. Spare nur nicht zu sehr. Im März kann man schon eher mit dem Heizen nachlassen. Für mich ist in diesen Tagen das Ausgehen ziemlich behindert gewesen. Es ist hier ein schreckliches Glatteis. Ich gehe an sich unsicher, nun gar auf diesen hügeligen Straßen, aus denen die Kinder mit Wonne Eisbahnen machen. Vielleicht kannst Du auch künftig Dich bei Rösel Hecht etwas aufwärmen. Leider habe ich den Eindruck, daß es bei Dir in Bezug auf die Symbiose auch nicht warm genug ist.
Das arme Frl. Schupp! Frau Frobenius? Wer und woher? Doch wohl nicht eine Baltin Else Frobenius, die früher als Schriftstellerin auf
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|aufgetreten ist und die ich in Berlin kennengelernt habe?
Wir haben nach den Teebesuchen der Weihnachtstage dann eine stillere Zeit gehabt. Ich habe 3 (versprochene) Aufsätze geschrieben, und eine Unzahl von Briefen, die immer viel zu viel Zeit wegnehmen. Aber so viel Freiheit habe ich mir doch erkämpft, daß ich nun etwas für das Sommerkolleg über Ethik lesen kann, das besonders schwer, aber wichtig sein wird. Mein Kräftezustand steigt etwas an: ein 5 Monate gereistes amerikanisches Paket ist endlich angekommen, andre – aus der Schweiz – sind zu erwarten. Augenblicklich haben wir eine normale Ernährung, was 5 Monate lang nicht möglich war. Aber daß Du die Butter an mich abgegeben hast, bleibt ein Unrecht und Ähnliches würde in Zukunft sehr übelgenommen werden.
Nieschling war mal wieder hier. Gestern auch der bisherige Direktor der Berliner Akademie d. W., der auf ähnlichem Wege wie ich nach Mainz gegangen ist. Die Erzählungen aus B. sind immer schauerlich und greifen ans Herz. Diese Verwüstung der herrlichen Universität! Man kommt doch nicht mit den Gedanken davon los, und so liegt, wenn keine Vorlesungen sind, die keine Zeit zur Besinnung lassen, immer ein Druck auf der Stimmung. Andererseits läßt sich nicht leugnen, daß ganz minimale rosa Wölkchen am politischen Himmel aufgetaucht sind.
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| Mögen sie, "umgekehrte Maikäfer" sein!
Ich lege den Brief von Emmy bei. Habe ich Dir (wie Susanne behauptet) die Verlobungsanzeige schon geschickt? Sie ist mal wieder nicht aufzufinden. "Er" studiert Zahnheilkunde in Freiburg.
Gestern haben sich hier ca. 10 ehemalige Klosteraner getroffen. Ich war höchst verdutzt, daß die Hälfte "Damen" waren. Denn ich hatte vergessen, daß Ende der 20er Jahre eine Mädchenschule angegliedert worden war. Ich war natürlich der Älteste (1900.) Jeder erzählte seine Lebensgeschichte, unsagbar breit und reizlos, wie die Deutschen es machen. So dauerte die Zusammenkunft von 20–24 und hinterließ gemischte Gefühle.
Vor 3 Tagen bin ich zum 1. Male im "Stift" gewesen. Dessen Bedeutung geht doch noch über Schulpforta hinaus.
Das Programm für die nächste Zeit ist folgendes: Vor dem Wiederbeginn der Vorlesungen [über der Zeile] 3.II. habe ich 6 Arbeitsnachmittage mit 15 Studienreferendar-inn-en zu halten. Am 28.I. ist ein Volkshochschulvortrag in Eßlingen, wenn ich einen Paß bekomme. Für spätere Zeit sind vorgemerkt Sigmaringen und – Freundenstadt.
Ob nun 1947 meine Schriften endlich herauskommen werden? Es geht kläglich langsam. –  –
Ein halbstündiger Besuch von Dahlem kommend.
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Eigentlich wollte ich noch "etwas recht Bedeutendes" schreiben, aber nun bin ich aus dem Zusammenhang. Mit solchen freundschaftlichen Überfällen versäumt man hier viel Zeit. Die meisten sind – wie in Japan – nicht eilig. Nur ich muß meine Tage ausnützen. Denn ich hoffe, nun mindestens noch eine positive Moralwissenschaft aufbauen zu können, wenn ich allein die Moral nicht aufbauen kann. Nach dieser Seite geht jetzt mein Interesse, und dazu muß man ungeheuer viel lesen.
Du aber quälst Dich, wie schon einmal, gerade um die dunkelste Jahreszeit mit dem Zeichnen. Es macht Dir auch Freude. Nur: die Kälte, das Glatteis, die Dunkelheit! Sei nicht zu impulsiv beim Kampf mit der Straßenbahn. Sorge für Gesundheit und Ruhe! Wir alle grüßen herzlich.
Stets Dein getreuester
Eduard.