Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Januar 1947 (Tübingen)


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Tübingen, den 29.I.47.
Meine einzige Freundin!
Bei dieser Kälte friere ich in unsrem normal geheizten Zimmer doch, wenn ich an deine kalte Nordwohnung denke. Ich fürchte, Du kommst nicht auf eine Temperatur, bei der man sitzen kann. Hoffentlich bleibst Du möglichst viel im Bett, womit sich jetzt viele Leute helfen. Und dann möchte ich mich auch damit trösten, daß Heidelberg immer ein bißchen milder ist. Allerdings: die Winde streifen im Rheintal entlang, während hier an die untere Stadt weder Nord noch Ost herankönnen.
Gestern, am bisher kühlsten Tage, war ich zu einem Volkshochschulvortrag (Goethe), für den ich tatsächlich den Passierschein erhalten hatte, in Eßlingen. Der Oberbürgermeister (Augenarzt u. Leser meiner Schriften) hatte freundlich ein Auto mit einem ebenfalls freundlichen Chauffeur geschickt. Abwesenheit von 3 bis 11, Entfernung 44 km, hin 1½ Stunden, zurück 1¾; im Wagen warm, in den Räumen kalt; freundlicher Empfang, ca 10 alte Bekannte unter den Hörern (so ist es hier überall.) Von der Stadt habe ich nichts gesehen (ca -20°.)
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Ich bin in höchst vielseitiger Arbeit und weiß garnicht, was ich zuerst angreifen soll. Am 21.IV. soll ich eine offizielle Antrittsvorlesung halten. Ich habe dafür das Thema "Kulturpathologie" gewählt. Noch weiß ich nicht, was dabei herauskommen wird. Eigentlich wollte ich Matussek bitten, mir zu ein paar medizinischen Definitionen der Krankheit zu verhelfen. Ich habe es dann vergessen. Verständigerweise halten sich die Mediziner damit auch nicht auf. Augenblicklich lese ich die anregende "Allg. Psychopathologie" v. Jaspers, deren neueste Auflage ich mir für 27 M gekauft habe. Auch das Resultat: von Kulturpathologie darf darf man nicht reden, nur von moralischen Verbildungen oder "Entartungen", wäre schon förderlich.
Mit den Studienreferendaren habe ich 2 lebhaft verlaufene Diskussionsnachmittage gehabt. Auf Copei habe ich einen Nachruf geschrieben, einen (m. E. interessanten) Aufsatz "Falsche Ehrbegriffe" – mit Bezug auf die Nazis – an die "Deutsche Rundschau" in Berlin gesandt, einen anderen für eine hier geplante Universitätszeitung geschrieben. Außerdem Korrespondenz mit dem In- und Auslande (GriechenlandPaläologos, BudapestProhaszka, Amerika, England, Schweiz.) Eine beträchtliche Rolle spielen dabei die Danksagungen für Pakete, die sich jetzt
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| aus allen Gegenden erfreulich häufen[über der Zeile] ., auch aus allen Gegenden Minimale Proben sind an Dich abgegangen. Sende Du bitte nichts. Im Frühling darfst Du Gemüse schicken. Ich lebe z. Z. üppig.
Auch die überlebende Hermine hat aus Frankfurt/O geschrieben.
Elsbeth Knoche schickte mir heute aus Eberswalde ein kl. Buch von Dieter Bassermann " Rilkes Vermächtnis". Das ist doch Dein Schüler.
Euer System des Beieinanderessens ist sehr hübsch; bei vielem Alleinsein wird man noch trüber, als es die Lage fordert. In Hamburg (!) soll sie beispiellos sein. Wir hatten in letzter Zeit nur Besuch von Harnacks. In Bühl trafen wir – nach 1½ Stunden Fußweg – sie und ihn in ihrem kalten Raubschloß krank. Einmal hörten wir in einem Privathause 3 klassische Trios. Vorgestern waren wir in einem frz. Film. Sonst existiert man hier jetzt ziemlich für sich, weil jede Familie nur 1 Zimmer heizen kann. Sehr viele Kollegen sind krank. Vorhin war Marta Wais mit m. Patenkind Silvia (14–15) da; mit dem anderen Patenkind bin ich zweimal spazieren gegangen.
Vom " Pestalozzi" sind nun endlich 5 Bogen korrigiert; 7 werden es wohl werden. Da die Korrekturen immer nur läpperweise kommen, reißen sie mich stets aus m. Gedankengang heraus.
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Platos "Gesetze" (500 S.) habe ich sorgsam exzerpiert (ziemlich strohern), zum 1. Male lese ich jetzt den berühmten Plutarch, und mit wirklichem Genuß habe ich nach fast 50 Jahren wieder Otto Ludwigs Heiterethei gelesen, was ich auch Dir empfehlen würde.
Geht das Zeichnen in der Klinik noch fort? Es wäre mir recht, denn Kliniken pflegen warm zu sein.
Einen ganzen Zweig meiner Tätigkeit habe ich noch nicht erwähnt: "Entnazifizierungszeugnisse." Gott weiß wer kommt zu mir, von dem ich garnichts wissen kann. Ich beschränke mich natürlich streng auf m. Urteilssphäre. Ist es denkbar, daß man nach und in einer solchen Weltkatastrophe so törichtes Zeug massenweise betreibt? Leider ist auch der Erlanger Freund neuerdings nicht unangefochten.
Hast Du eigentlich jemals gelesen: "Der Mond braust durch das Neckartal?" – quasi ein Führer durch Tübingen, den man erst hier ganz schätzen lernt.
Der "Nebenmann" ist der andere Professor f. Philosophie, Krüger, gleichzeitig mit mir berufen. Ein freundlicher, stiller, aber nicht immer ganz kurzer Herr.
Hier muß ich diese Plauderei abbrechen. Schreibe bitte nur Postkarten, solange es so kalt ist. Man ist immer in Gefahr beim Sitzen, daß die unteren Organe sich erkälten. Auch heute wieder bitte ich um <li. Rand> Vorsicht jeder Art! Im Lauf des Jahres fallen wohl die Zonen, mindestens hier. Wir 3 – um Idas Verwandte haben wir an einen Curé appelliert – grüßen herzlichst.
Vor allem Dein Eduard.

[re. Rand] Der Wiederbeginn der Vorlesungen ist – leider – auf den 11.III. vertagt!!