Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Februar 1947 (Tübingen)


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Tübingen, den 8. Februar 47.
Meine einzige Freundin!
Obwohl ich keine Verminderung der bei mir eingehenden Post bemerke, fehlen doch manche Nachrichten. Die meisten sind doch durch die Kälte am Schreiben behindert. Wenn ich genau wüßte, daß es Dir "sonst" gut geht, würde ich Dich sogar bitten, Dir nicht die Beschwernis eines Briefes zu bereiten, bis Dein Zimmer wieder einigermaßen warm ist. Hier ist es in den letzten Tagen merklich milder geworden.
Ich hatte in der vorigen Woche eine recht produktive Zeit. Außer kleinen Aufsätzen, um die ich – buchstäblich von allen Seiten gebeten wurde, habe ich allerhand neue Gedanken verfolgt. Auch habe ich die Korrektur einer kleinen Broschüre gelesen, die "ich selbst" nicht besser machen könnte. Zum 25.II. wird sie aber leider noch nicht fertig sein. Die günstige Stimmung ist in dieser Woche umgeschlagen. Daß der arme Wenke tatsächlich um sein Amt gekommen ist, betrübt und erbittert mich sehr, Es ist leider nicht ausgeschlossen, daß der ewig betriebsame G. daran etwas beteiligt ist. Auch dies hob nicht die Stimmung, daß ich als ehemaliger Heerespsychologe (3 Monate) hier denselben Kontrollen ausgesetzt bin, wie die Offiziere.
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Maria Dorer hat sich rührend und anscheinend erfolgreich für den Drixer Brosius bemüht.x) [unter dem Absatz] x) sie fragte auch nach Drechsler. In einem Brief nach Wiesbaden, den ich aus diesem Anlaß zu schreiben hatte, habe ich gleichzeitig zur Sprache gebracht, daß die TH. Darmstadt verpflichtet sei, endlich den Professortitel für sie zu beantragen.
Sonnabend und Sonntag war Oelrich hier (Heimatsitz in Tennenbronn bei St. Georgen.) Er hat auch nicht an Lebendigkeit gewonnen. Von meiner Fahrt zu einem Vortrag an der Volkshochschule Eßlingen habe ich wohl schon berichtet: im Auto hin und zurück. Es war der kälteste Tag. Auch dort manche alte Bekannte. Neulich waren wir "oben" bei dem Mathematiker Knopp, den ich um 1904 bei Paulsen kennen gelernt habe und der bald danach einige Zeit als Lehrer in Nagasaki gewesen war. Tagszuvor hatten wir einen kurzen Rot-Kreuzbrief von dem Ehepaar Becker in Tokyo erhalten: das erste Lebenszeichen nach dem Kriegsbeginn.
Unter uns: die neue Arbeit von unserem Freunde Matussek ist ein etwas seltsames Produkt. Viel Apparat für ein einfaches Resultat. Alles kommt mit seinen Mss. zu mir. Für mich hat niemand, außer Lietzmann, die Mühe auf sich genommen, eine Arbeit im Ms. zu begutachten.
Die wichtigsten Kollegen sind krank; infolgedessen steht alles etwas still. Nur mit den Studien<re. Rand>referendaren habe ich jede Woche 2 Stunden lebhafte Diskussion. Das letzte Mal hatten wir sogar einen warmen Raum. Dies ist nur eine "Zwischennachricht". Meine Wünsche möchten Dich erwärmen und <li. Rand> meine Gebete Dich umschützen. Wir alle 3 – für Idas Verwandte ist Hoffnungsschimmer grüßen Dich herzlichst. Dein Eduard.
[Kopf] Schönes Bodenseebuch f. 1947 privatissime erhalten.