Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Februar 1947 (Tübingen/Rümelinstr.)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

19.II.47.
Meine einzige Freundin!
Der 75. Geburtstag verdiente wohl, zum Gegenstand einer ganz besonderen Feier gemacht zu werden. Aber wie wenig kann heute geschehen! Rösel Hecht, die Dir ihr Haus für ein Zusammensein zur Verfügung stellt, tut wenigstens etwas Erfreuendes. Mir ist es nicht einmal möglich, Dir irgend etwas im Stile einer Handarbeit zu senden; denn dieser Winter gibt weder Kraft noch die Ruhe des Einzelzimmers. So muß ich dann alles wirklich "aus der Tiefe des Gemütes" hervorholen. Aber es ist nicht wenig, was dabei zutage kommt – gerade im Hinblick auf Deinen und also meinen Festtag. Eigentlich ist es mein ganzes tieferes Leben, einst von Dir erweckt, immer von Dir verstanden, gepflegt und getragen, so, daß ich Dich als Mutter und Schwester und Freundin in Einem empfinde. Kein Gegenstand des Lebens wird für mich etwas, ohne daß er auch durch Deine Seele hindurchgegangen wäre, und kein Entschluß ge
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| deiht, ohne daß ich ihn mindestens im stillen mit Dir durchgesprochen hätte. Ich vermute, daß Du Dir dieser Unentbehrlichkeit im tiefsten Sinne für mich voll bewußt bist. Wenn ich also Wünsche zu Deinem Geburtstag ausspreche, dann kommen sie mir ganz egoistisch vor: so sehr sind Dein Leben und mein Leben eines.
In besseren Zeiten hatte ich gehofft, für Dich in späteren Jahren nicht nur mit Wünschen, sondern mit Taten dasein zu können, mindestens aber durch persönliche Anwesenheit Dir und mir das zeitlose Band auch sichtbar bestätigen zu können. Wir sind in allem Äußeren unfrei geworden, in einem Grade, der selbst 1933 nicht zu ahnen war. Wieder also heißt es, ganz aus dem Inneren zu leben, aus der Fülle unserer gemeinsamen Erinnerungen, die alle schön sind, auch die, die nicht heitere Perioden des Daseins betreffen. In ihnen konstituiert sich meine Person derartig, daß ich eigentlich an den neuen Dingen nur ein abgeblaßtes Interesse nehme. Von diesem "Palast der Erinnerungen" haben die tiefsten Denker, wie Augustinus oder Kierkegaard, auch etwas gewußt. Ich verstehe sie um so besser, je mehr ich die Wahrheit im Medium solchen unentreißbaren Besitzes suche.
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| "Bilder" sind fruchtbarer als Gedanken; in Bildern drängt sich das Gefühlsnahe zusammen; jeder Gedanke ist nur so viel wert, wie er von der Wahrheit der aus Liebe geborenen und mit Liebe gehegten Welt der Erinnerungsbilder getragen ist. Und ich verteidige mich gegen meine Gleichmütigkeit in Bezug auf die Zukunft so: Was einst aktuelles, oft auch leidvolles Leben war, das ist durch das bewahrende Bild schon in hohem Grade entzeitlicht. Denken wir uns diesen Prozeß der Aufhebung der Zeit vollendet, dann sind wir vermöge dieses Erinnerungsschatzes selbst Momente der Ewigkeit geworden, und damit in unserer Existenzform verwandelt, "aufgehoben".
Jedoch geht meine Schwerpunktverlagerung nach rückwärts nicht so weit, daß nicht Wünsche und Hoffnungen in Bezug auf unsre Gemeinsamkeit in mir lebten. Ihren Inhalt kennst Du. Es ist eine Scheu in mir, das im einzelnen auszusprechen. Aber wenn aus solchen sehnsüchtigen Vorstellungen etwas werden soll, dann müssen wir daran glauben. Und Glaube ist Kraft.
Hoffentlich findet die Feier am 25.II. schon bei wärmerem Wetter statt. Die Wiederkehr der Kälte hat mich auch um Deiner ungemütlichen
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| Situation willen sehr betrübt. Ob man dann wenigstens einen Frühling ohne stärkere Rückfälle erwarten darf? Ich werde am Dienstag Deiner mit ganzer Intensität gedenken. –
Susannes Geburtstag verlief noch stiller als sonst. Leider keine Blume, kein Geschenk, nur 2 von Ida hergestellte Kuchen. Am frühen Nachmittag hatten wir bei "Frau Rebburger" unsre – zweite - französische Stunde. Von 5–7 war der Kollege Haering (dismissed) da, ohne von der Besonderheit des Tages etwas zu wissen. In der letzten Zeit stand die rüstige Arbeit ganz im Vordergrunde. Wir waren nur Sonntag bei Herres in Bühl und Montag bei v. Wißmanns. (Prof. d. Geogr, Sohn des Afrikakommandeurs, zuerst gesehen auf der "Potsdam".) Einen großen Druck auf meine Stimmung hat es ausgeübt, daß Wenke in E. nun tatsächlich entlassen ist. Ich lese eben die "Amerikafibel" der Marg. Boveri. Aber verstehen ist nicht immer sympathisieren.
Das beiliegende Paßbild brauchte ich als meldepflichtiger Regierungsrat der Reserve. Vergleiche es mit dem Berliner, und Du wirst Fortschritte sehen.
Rudolf Paulsen meldete sich schriftlich. Das Denkmal seines Vaters auf dem Fichteberg ist zerstört (100. Geburtstag 16.7.46.)
Ich schließe mit den innigen Gefühlen, von denen ich vergeblich Ausdruck zu geben suche. Dein dankbarster Eduard.