Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. März 1947 (Tübingen)


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Tübingen, 12. März 1947.
Meine einzige Freundin!
Es ist heute der 100. Geburtstag meiner Mutter. Wie kann ich ihn besser feiern, als indem ich Dir schreibe! Bald kommt ihr 38. Todestag. Alle wesentlichen Ereignisse der Wendezeit liegen nun schon fast ein halbes Jahrhundert zurück. Goethe sagt aus ähnlichem Gefühl "Ich komme mir schon fast mystisch vor". Ich glaube aber, er hat sagen wollen: "Ich komme mir schon fast mystisch – d. h. aus grauer Vorzeit stammend – vor."
Es war mir eine herzliche Freude, aus Deinem lieben Brief vom 3.III. (Stempel) zu erfahren, daß Dein Geburtstag schön verlaufen ist. Wenn es nun endlich warm würde, könnte ich in dieser Hinsicht etwas weniger um Dich in Sorge sein, wenn es auch wohl Juni werden wird, bis einige Sonnenstrahlen Dein Zimmer belecken. Du solltest nicht allen Wein, den Du bekommen hast, für mich aufheben. Das ist nicht die Absicht der Geber. Gelegentlich etwas Alkohol tut alten Leuten sehr gut. Plato verwendet in den "Gesetzen" fast 2 Bücher darauf, dies zu beweisen. Ich bin übrigens vom Alkohol nun völlig entwöhnt (nicht so vom
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| Tabak), was eine große Klarheit des Kopfes befördert, aber oft doch andere Schlafmittel nötig macht.
Ob Du von Hermann wieder einmal etwas gehört hast? Ich nicht. Und wo liegt das Schorndorf des Herrn Dr. Fink, in Bayern?
Wir haben hier große Temperaturschwankungen. Wenn es taut, wird die kleine Ammer 10 m breit und sieht wie der Gelbe Fluß aus. Es ist hier ein dickklumpiger Lehmboden, sehr fruchtbar, aber in dieser Jahreszeit unpassierbar. Mit dem einzigen Ausflug hatten wir aber Glück. Am letzten Sonnabend haben wir die Achalm bei Reutlingen bestiegen. (705 m.) und einen herrlich-sonnigen Blick gehabt. Hinterher haben wir die alte Frau Gr. Kühne in der Stadt besucht, die nun im Sommer mit der Familie dem Sohn nach Toulouse folgen – soll.
Ein großer Schmerz hat auch nicht gefehlt. In Frau Rebensburg hatten wir eine sehr angenehme Lehrerin des Französischen gefunden. In den ersten 2 Stunden zeigte sich, daß wir ganz zu einander paßten. An einem Sonntag half sie noch Susanne bei dem französischen Pfarrer zu dolmetschen, der sich freundlich dafür einsetzt, daß Idas Schwester und Nichte hierherkommen (wenig aussichtsreich!) Am Mittwoch warteten wir vergeblich, wohl vorbereitet, auf Ihr Kommen. Am Donnerstag erfuhren
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| wir, daß sie schon am Montag auf der Neckarbrücke von einem Auto zu Tode gefahren war. Wir waren bei der Trauerfeier. – –
Wenke ist in Hamburg von der Engl. Militärregierung bestätigt worden und geht im Sommer zunächst allein dorthin. Die Erlanger Sache war eine Infamie, die "zu dem übrigen paßt." Diese Sorge scheint also behoben. Hingegen quält mich das Schicksal von Litt, dem Ähnliches nicht gelingt und der sich in L., wo übrigens eine Art von Lungenpest zu sein scheint, nutzlos zermürbt. Das Affentheater in B. geht weiter. Jeden Tag segne ich unsren Entschluß aufs neue. Der Berliner "Tagesspiegel" hat nun auch den Artikel aus der "Universitas" verkürzt gebracht; so hört man dort doch immer von mir, und ich erhalte manches briefliche Echo.
Morgen beginnen die Vorlesungen wieder, nämlich der Rest des W.S.s. Es ist nicht ganz leicht, wieder anzuknüpfen für knapp 3 Wochen. In diese fällt auch noch eine Flut von Examina, und am 2.IV soll ich dann in der Freudenstädter Volkshochschule reden. (Heute kam eine Einladung von der Schwester des hingerichteten Studenten Scholl noch im April in der Ulmer Volkshochschule zu reden.)
Manches erinnert hier in Japan: es ist immer anders, als man zunächst gehört hat, und alle
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| Termine kollidieren, weil man nie nachsieht, wann ich durch Vorlesungen verhindert bin. Gestern hat mir meine gute Assistentin das ganze Oberseminar vergumpelt, das übrigens das höchststehende ist von allen, die ich je gehabt habe. Es waren nur 7 Leute da.
Dafür, daß Du die "Magie der Seele" sofort bekommst, wenn ich selbst Exemplare habe, werde ich schon sorgen. Die hiesige Ausgabe ist nach 2 Korrekturbogen wieder eingeschlafen. Es ist schauerlich, dies Tempo (Briefe zwischen Berlin und hier brauchen 20–22 Tage!) Aber die Gothaer Ausgabe "müßte" eigentlich fertig sein. Übrigens ist es – ich rede natürlich nicht von Dir – eine unangenehme Belastung, daß alle möglichen Reflektanten sich bei mir um meine Schriften direkt bewerben, auch um alte, von denen ich selbst kaum noch ein Exemplar habe. Dazu die Entlastungen, Empfehlungen für Immatrikulationen, Erkundigungen etc. Umgekehrt: es sind recht erfreuliche Pakete eingetroffen. Allerdings fehlt noch die 2. Hälfte der Winterkartoffeln. Wir werden sie aber bekommen, dank einem Vortrag "Der Christ in der Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Zeit", den ich am Sonntag vor 250 Leuten für den Christl. Verein junger Männer gehalten habe. Der alte Theologe Heim präsidierte. Da gibt es dann immer auch Naturalbenefizien von reizenden Menschen, wie man sie nur hier findet.
Bitte danke Matussek für die Beantwortung meiner <li. Rand> Bücherfrage und grüße beide Ms. Susanne grüßt herzlich (bestätigt noch einmal dankend 4 Päckchen), ebenso die arme Ida, der eben alle Zähne gezogen werden. Ganz besonders <Kopf> innig aber wie stets
Dein getreuester Eduard.