Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. April 1947 (Freudenstadt)


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Freudenstadt, den 3. April 47. früh.
Meine einzige Freundin!
Gewiß ahnst Du meine Gefühle hier – obwohl ich ihnen bisher nur ½ Stunde auf dem Wege, der zu Stockinger führt, nachleben konnte. Aber das alte, nasse, kalte Freudenstadt ist noch vorhanden, wenn auch der zentrale Teil so vernichtet ist, daß ich mich kaum noch orientieren kann.
Erschöpft und total nervös überreizt kam ich mit Susanne, die nicht immer praktisch recht hat, um 12.10 an den 12.40 abgehenden Zug nach Horb. Aus Gnade ließen uns die Leute noch hinein; die Hälfte der 1½ stündigen Bummelfahrt mußten wir stehen. In Horb holte uns das F.r. Auto ab, was auch der Assistentin Oesterreichs, Frl. Dr. Höhn zugute kam, die wir in Horb aufgabelten. Hier in der Pension Charlotte (unter Hospiz Palmenwald) ging die Liebenswürdigkeit und Beratung noch weiter. Dann mußte ich zu dem frz. Bildungsoffizier Capit. Tiberger, alias Herrn Tiberger aus Wien, der mich liebenswürdig empfing, so daß wir bald miteinander warm wurden. Um 8 – es hatte schon starker Regen eingesetzt – begann der Vortrag "Psych. d. Lebensalter" in der Turnhalle der Kepler-Oberschule (Gegend Finanzamt.) Der General Hunebert, mit dem Haide Heß
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| früher etwas deutsch getrieben hatte, erschien mit Herrn Tiberger. Ich holte heraus, was noch an Kraft in mir war, 1 Stunde 25 Min. Aber die Turnhalle absorbierte zu viel Stimme, so daß ich nicht recht modulieren konnte. Und dann die übliche Begrüßung – abgesehen vom Bürgermeister u. Honoratioren:
der Schmied Heinzelmann
der junge Volkelt
die geschiedene Frau v. Felix Krueger
der frühere Leiter des Jugendamtes Charlottenburg
der frühere Berliner Prof. Lehmann
die französische Lektorin
etc. etc.
Haide Heß (unvermutet)
Herr Tiberger fuhr mich liebenswürdig, da es in Strömen regnete, in s. Wagen nach Hause. Ich war natürlich nun ganz kaputt. Item: das Alter ist da. Ich kann diese Vorträge kaum noch übernehmen. Überall werde ich wie eine Berühmtheit – besser: als ein Freund, empfangen. Diesmal waren ca 300 Zuhörer, für Freudenstadt ungeheuer viel. Alles sitzt so bierernst da und wagt bei keinem Scherz zu lachen, aus Ehrfurcht vor dem "großen Mann." Der aber hält diese Anstrengung kaum noch aus.
Am hübschesten war eigentlich, wie mich der 15 jähr. Wolfgang Martin auf Geheiß seines Direktors Schoell abholte: diese Sicherheit, dieser Takt, dieses fein schwingende Gefühl! (Reizend!) Vater anscheinend Gelehrter aus Karlsruhe. Alles verloren, ein Bruder gefallen.)
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Susanne, die mir für diesen arktischen Ort den Sommerüberzieher angeraten hatte (ich aber war klüger), war schon um ½ 5 nach Lauterbad gegangen, wo sie hoffentlich den Zug nach Alpirsbach erreicht hat. Ich wollte am Karfreitag über Tag auch dorthin, fühle mich aber nicht wohl genug. Eigentlich wollte ich hier in Stille wichtige Probleme durchdenken. Heute aber muß ich lauter Höflichkeitsbesuche machen, anfangend bei Heinzelmann, Höhns, Schölls etc. Deshalb unterbreche ich zunächst einmal diese Zeilen. Wie anders waren Welt und ich, als ich 1904 zum ersten Mal hierherkam und mit einem sehnsuchtvollen Herzen nach Griesbach marschierte!
Nachmittags.
Ich war inzwischen bei Heinzelmanns, traf nur sie, die mit ihren 70 Jahren und dem Kopf ganz munter wirkt. Sie sprach viel von dem verstorbenen Kind, was rührend war, dann von dem verheirateten Walter in Kl. Machnow, und – ich will ehrlich sein – vergaß es, nach Dir überhaupt nur zu fragen. Nun, legen wir es zu dem Übrigen! Unterwegs sprach mich eine Frau Dr. Hell an, deren Mann ein christl. Landeserziehungsheim in Urspring bei Blaubeuren gehabt hat.
Wenn ich diese verworrenen Blätter nicht
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| heute noch nach der fernen Post bringe, kommen sie überhaupt nicht von hier weg, wegen der Festtage. Ich wollte Dir noch eingehender sagen, wie sehr ich an dem Hinscheiden der Frau v. Sch. teilnehme; aber das weißt Du ja. Deinem l. Brief vom 10.II. lagen Ausschnitte bei: über Dessoir, der sich nach Dir erkundigt hat, und von Hartlaub, was mich sehr interessiert hat. Derartige Gedanken scheinen in der Luft zu liegen. Hingegen hat Dein Dr. Fink über Pathologie, Triviales, nicht einmal ganz Richtiges gesagt, und auch was sonst erwähnt wurde, "ist nicht so viel wert."
Daß ich mit Lulu Lampert längst wieder Fühlung habe, weißt Du ja. Gesehen haben wir uns noch nicht. – Ich habe anscheinend Deinen neuesten Brief nicht gegriffen, sondern einen älteren. Verzeih, wenn ich einiges nicht beantwortet haben sollte. Ich bin in allem etwas tapsig.
Es bleibt nun so, daß ich die Korrespondenz nicht mehr bewältigen kann. Oft ist sehr Schönes darunter, wovon ich Dir eine Probe schicken wollte.
Was hat man eigentlich gegen Gertrud Bäumer?
Osterwünsche hinzuzufügen, ist es leider zu spät. Nimm die Drucksache gütig als Ersatz. Natürlich denkt Deiner hier bei jedem Schritte Dein <li. Rand> getreuester Eduard.