Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. April 1947 (Tübingen)


[1]
|
<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

17.IV.47.
Meine einzige Freundin!
Da Du in Deinem lieben, ausführlichen Brief, der heute eingetroffen ist, meine Zeilen aus Freudenstadt (vom 3.IV., auf die Post gebracht 5.IV.) nicht erwähnst, fürchte ich, daß sie verloren sein könnten, was mir nur deshalb leid tun würde, weil Du dann sehr lange keine Nachricht von mir erhalten hättest. [re. Rand] <mit Mengenklammer neben dem 1. Satz> Dies ist ein Loch in m. Kopf. Susanne hatte mir die Erwähnung in dem Brief an sie vorgelesen. Ein Bericht über meinen Vortrag in F. ist als Drucksache hinterdrein gesandt worden.
Deine Erlebnisse mit dem guten Frl. K. hatte ich ungefähr so vorausgesehen, wie sie verlaufen sind. Wir sind zu sehr Menschen des geordneten Lebens, um an Überfällen solcher Art Freude zu haben. Sie ist ja hilfreich und herzensgut. Immer ist man in ihrer Schuld. Aber es besteht auch hier eine gewisse Angst vor ihrem Auftauchen, schon weil dies planlose Reden auf die Nerven fällt.
An den Nachrichten über Häbler habe ich teilgenommen. Mit Deinen Büchern bist Du nun einigermaßen in Ordnung. Das wird zu Deiner Ruhe beitragen. Nur wenn man genügend Raum hat, kann man die Tugend, alles wiederzufinden, betätigen.
[2]
| Nicht ganz wohltuend ist mir das Bild, daß Du von den nächsten Figuren entwirfst.
Ich sehe keinen Grund, weshalb der eine Teil der Briefe nicht auf der Bank bleiben sollte. Da Du diese Geschäftsdinge erwähnst, so sage ich noch einmal (wie schon früher:) "Du wirst ja gewisse wichtigste Verfügungen mit Datum und eigenhändiger Unterschrift einer zuverlässigen Persönlichkeit in Heidelberg in Aufbewahrung gegeben haben. Andernfalls nützt nämlich alles sorgfältigste Aufheben nichts.
Wir sind am Ostersonnabend im Auto von Freudenstadt (via Horb) nach Tübingen gebracht worden. Die Fahrt dauerte nur 1½ Stunden. Am 2. Ostertag war der Psychiater Prof. Ernst (Bruder des Heidelberger Historikers) bei uns. In der Woche nach Ostern schrieb ich mit ziemlicher Anstrengung den Vortrag "Kulturpathologie?" nieder, der nun nicht als Antrittsvorlesung, sondern als Festrede bei der Semestereröffnungsfeier (23.IV.?) im Talar [über der Zeile deutlicher] Talar gehalten werden soll. Zeitlich wird er dadurch noch mehr beschränkt.
Die Kontraste in der Temperatur (Freudenstadt zuletzt wenig über Null) bringen mir jetzt erst zum Bewußtsein, daß hier eben ein anderes Klima ist als in Berlin. Dort wurde ich bei Eintritt milder Witterung den Winter
[3]
|bronchialkatarrh gleich los. Diesmal will er garnicht weichen, so daß ich aufs Rauchen verzichten muß, was dann wieder die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Du erinnerst Dich: " Benary": ich muß die Massen von Schleim alle herunterschlucken, und das hebt nicht gerade den Appetit. Auch sonst geht es nur mittel. Ich habe eben seit 1942 niemals mehr Ferien gehabt. Der alte Organismus vermerkt das nachgerade übel. Aber am 22. fängt nun das Semester – vielleicht doch!– endlich an.
Von Werner Jaeger (Harvard) interessanter Brief. Die Liselotte Henrik soll einen krassen Kommunisten geheiratet haben. Eine Schülerin a.D von Susanne, die in ihrem "Geschäft" tätig war, berichtete über sehr ungünstige Eindrücke. – Delekat war kurz hier. Und gestern besuchte uns für einige Stunden Frl. Dr. v. Rabenau, die Tochter des ermordeten Generals, der mit mir auch eine Zeitlang in Moabit gesessen hat. Wie weit Du diese meine einstigen Verbindungen kennst, weiß ich nicht. Ich konnte ja darüber nur sehr andeutungsweise schreiben. Der General hat im ganzen Bombenwinter 1943/4 bei mir noch Kolleg gehört.
Unsre Tokioer Freunde Dr. Beckers u. Dr. Dietrich Seckel (Hiroshima) haben sich aus dem Lager in Ludwigsburg gemeldet, haben aber noch keine Bewegungsfreiheit.
Das Frl. Gaedeke kommt wohl nach Gainhofen als Ersatz für m. frühere Schülerin Frau Dr. Ritter, geb. Caesar.
[4]
|
Idas Verwandte haben nur telegraphiert, daß noch Reiseschwierigkeiten aufgetreten seien.
Die "Konfessiones" muß man mit Auslassungen durchlesen. Philosophisch das Wichtigste steht in dem berühmten 10. Buch. Wenn Deine Ausgabe Buch 13 hat, dann auch dieses.
Wir haben hier fast keine Kirschen. Deshalb kommt die Blüte etwas später. Von m. Fenster sehe ich im Botan. Garten einen japanischen Kirschbaum blühen. Die ganze Gegend ist Apfelbaumplantage. Seit heute ist die Blüte im Aufbrechen. Es war gutes Wetter, aber aber bis vor 3 Tagen morgens noch unter Null. Wenn es am schönsten blüht, werde ich keine Zeit dafür haben. Susanne war 2mal in Reutlingen bei der alten Frau Geheimrat Kühne (Du weißt!), die eine beträchtliche Operation bis jetzt gut überstanden hat.
Von meinem Dauerpaß[über der Zeile deutlicher] paß ist nicht mehr die Rede. Irgendwie aber müssen wir uns in der warmen Zeit sehen.
Und jetzt muß ich schleunigst schließen, weil ich nämlich so müde bin, daß es eben nicht mehr gehn will.
Innigste Wünsche und Grüße
Dein
Eduard.

[] Ist garnichts von Hermann zu hören?