Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. April 1947 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

30.IV.47.
Meine einzige Freundin!
Eine Pause in meinem jetzt überanstrengten Dasein für den Beruf benutze ich, um Dir einen kurzen Bericht zu geben. Der Hauptpunkt war meine Festrede über "Kulturpathologie" heute vor 8 Tagen. Die Feier fand im Festsaal statt, der wohl 1200 Sitzplätze faßt und doch noch etwas überbesetzt war. Talar, aber nicht meiner, sondern ein von hier zur Verfügung gestellter mit – denke Dir! – einer goldenen Quaschte und do. Troddel (oder Trottel??) auf dem Barett. Erst der Jahresbericht des Rektors, dann mein Vortrag, der, trotz aller Berechnung, doch noch über eine Stunde dauerte. Er fand allgemein lebhaftes Interesse, auch bei dem frz. Universitätsoffizier, der ihn am nächsten Tage einen "Höhepunkt" nannte, beschleunigt in den Druck befördern und für eine frz. Zeitschrift übersetzen lassen will. Hinterher war ich sehr erschöpft; Herre und Frau aßen bei uns.
Tags zuvor hatte ich meine Vorlesung über Ethik mit einer kleinen Enttäuschung begonnen. Der Besuch ist sehr viel schwächer als beim "Kant". Die Gründe sind mir noch nicht klar. Entweder Kollision oder kein Examenskolleg oder sonst etwas. Heute erst habe ich eine einstündige Pestalozzivorlesung begonnen, bei der der zweitgrößte Hörsaal (300 Plätze) wenigstens voll war. Die Dinge gehen mir z. Z.
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| nicht leicht von der Hand. Ich brauchte einmal eine wirkliche Erholung. Aber die ist nicht einmal für den August gesichert, weil ich da bei einem internationalen Ferienkursus eine Arbeitsgemeinschaft über Hegel, Einleitung zur Phil. d. Weltgeschichte abhalten soll. Immerhin geht es mir noch besser als Oesterreich, der zu seiner Empörung in den Ruhestand versetzt ist. Die Verkalkung ist aber bei ihm so stark, daß er keine ordentliche Vorlesung mehr halten kann.
Am Sonntag war 4 Stunden der Dr. Seckel bei uns, der uns zum 1. Male eingehend von Japan etwas erzählen konnte, leider nichts von Kotsuka. Nara und Kyoto sind erhalten, Tokyo schwer zerstört. Die Amerikaner gehen jetzt mit Japan ganz glimpflich um. Beckers sind zunächst nach Friedberg gegangen.
Sitzungen gibt es mehr als erwünscht. Zum Genuß der Baumblüte war wenig Zeit. Montag haben wir Frau Geheimrat Kühne in Reutlingen besucht, die sich noch nicht so von ihrer Operation erholt hat, wie man es gern sähe.
Das schwankende Klima ist sehr angreifend; viel Wind mit gräßlichen Staubwolken. Bei der Übersiedlung von Idas Verwandten sind Schwierigkeiten aufgetreten.
Mit HellpachHeidelberg habe ich eine Korrespondenz.
Siehst Du die Brüder Matussek manchmal? Was macht eigentlich mein alter Regenschirm bei Bouttmis? Ist Dein Zimmer ohne Heizung erträglich? (Hier oft morgens nicht mehr als 2°) Aber die Gingkos haben schon kleine Blätter. Macht jemand mit Dir einmal einen kleinen Spaziergang? Ich würde so gern am unteren Neckar mit Dir wandern. Aber Du wärst mir wahrscheinlich noch über.
<li. Rand> Ich muß jetzt die ganze Kraft auf die Vorlesungen und auf das sehr schwierige, aber hoffnungsvoll besetzte Seminar verwenden – fast wie ein Anfänger. Denn keines dieser Objekte liegt in fertiger Gestalt vor. Nun – das wollte ich ja. Ich denke täglich an Dich und wünsche Dir alles Erfreuliche. Innigst Dein Eduard.
[Kopf] Sehr angenehmer, kurzer Besuch v. dem Bildhauer v. Grävenitz (Solitude.)