Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Mai 1947 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

29.5.47.
Meine einzige Freundin!
Seit 15 Tagen habe ich keine Nachricht von Dir. Das beunruhigt mich etwas. Es wäre mir aber recht, wenn angenehme Besuche oder Spaziergänge Dich vom Schreiben abgehalten hätten Auch ich kann heute nur eine Zwischennachricht senden, damit die Pause nicht zu groß wird. Morgen Mittag bis Sonntag Abend will ich mit Herre in die Alb. Das Programm ist wegen Übernachtungsschwierigkeiten schon reduziert. Susanne geht von morgen oder übermorgen bis zum 2.6. nach Alpirsbach.
Die von freundlichen Korrespondenten angewünschte Ausspannung zu Pfingsten habe ich nicht gehabt. Ich bin fast nur noch Objekt meiner Pflichtten. Am 1. Feiertag hatten wir 2 Ehepaare bei uns, en revanche; so weit ganz nett. Am 2. vorm. historische Führung durch Tübingen; nachmittags eine Last von Auslandskorrespondenz. Am 3. zum Kaffee Frau Dr. v. Zahn-Harnack mit Bruder und Frl. Dr. Schaal. Gestern bei Frau Kühne in Reutlingen mit hübschem Spaziergang. Heute
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| der Neffe v. Rabenau zu Mittag. Sonst Aristotelesstudien (den mag ich nicht.) Nietzsche auf Wunsch der Franzosen. Ein stark besuchter Vortrag "Aus der wissensch. Werkstatt" führte zu lebhaftem Echo.
Aber die größte Neuigkeit ist, daß Idas Schwester und Nichte am Pfingstsonnabend für dauernd hier eingetroffen sind. Das hat nun wieder nur Susanne zuwege gebracht, und heute Nachm. hat sie die Inge gleich in eine Lehrstelle "eingeliefert." Je kräftiger ihre Energie blüht, um so mehr sinkt meine ab. Es war vielleicht ein bißchen viel, die letzten Jahre.
In die Festschrift zum 60 Geburtstag "Bekenntnis zu Ernst Wiechert" ist auch ein ganz persönlicher Brief von mir an ihn aufgenommen, was mir nur halb recht ist. Ebenso werde ich in einer Anmerkung zu einer Schrift über A. Schweitzer brieflich diskutiert.
Die "Magie" mußt Du erhalten haben. Der " Pestalozzi" ist auch endlich in 3 Rohexemplaren hier. Ich warte ab, bis ich bessere habe. Für einen spanischen Professor in Pennsylvania habe ich zu seinem Buch über Dilthey ein Geleitwort geschrieben, ferner einen Gruß an Japan über die Schweiz. Nietzsches innere Dynamik ist mir zum 1. Mal ganz klar geworden. Wenn man nur nicht wie ein Vogel immer von 1 Ast auf den anderen hüpfen müßte. "Der Mensch muß zur inneren Ruhe gebildet werden". (Hohngelächter!) Du fühlst auch alles Unausge<li. Rand>sprochene und mein unablässiges treues Gedenken! Dein Eduard.