Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Juni 1947 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

11. Juni 1947.
(morgens 4 ½°R!)
Meine einzige Freundin!
Es ist mir sehr unrecht, daß Du mit einem Stirnhöhlenkatarrh und allerhand Anhängen geplagt warst. Auch verstehe ich sehr, daß man sich zu der kleinsten Hantierung zu müde fühlen kann. Aber künftig mußt Du in solchen – hoffentlich fernbleibenden – Fällen eine Karte schreiben oder schreiben lassen. Es verdunkelt meinen Tag und lähmt meine Kraft, wenn ich über Dein Befinden im Ungewissen bin.
Dieser Schatten hat dann auch über der heißen Albfahrt mit Herre gelegen. Wegen Quartierschwierigkeiten übernachteten wir beide am 1. Tage hier Rümelinstr. 12. Für die Tour nach Urach stand nur 1 Nachmittag zur Verfügung. Ein in ein Laubwaldtal lieblich eingebettetes Städtchen. Wir kletterten auf die Ruine Hohen-Urach, die sehr bedeutend ist, auf halb verwachsenen Pfaden ziemlich steil hinauf u. hatten eine lohnende Aussicht. Am Sonnabend 31.V. fuhren wir mit dem Güterzug 20 km in 2½ Stunden nach Hechingen, besichtigten untere und obere Stadt und schlichen am Nachmittag (d. h. also 12 Uhr) mit dem Zuge nach Haigerloch, einer alten kleinen Berg
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|stadt, die noch malerischer ist als Horb, mit verlassenem Ghetto und Judenfriedhof, Hohenzollernschem Schloß etc. Abends kamen wir in Hechingen an der Villa des Besitzers der zugehörigen Burg vorbei und sahen ihn mit kleiner Gesellschaft im Garten rauchend und kartenspielend. Daß sie mir am 6. Mai von dort (besuchsweise!) einen Gruß geschickt hatte, habe ich wohl schon erwähnt. Wir übernachteten ordentlich in einem kleinen Hôtel. Am Sonntag ging wir 1½ Stunden weit auf die Burg H. hinauf, ganz neues Gebäude (ca 1850). Der Blick war schön (auch Richtung Freudenstadt). Viel Volks oben. Heißer Abstieg im ganzen 4 Stunden auf den Beinen. Leichtes Gewitter; nachm. noch Besuch bei dem Biologen Kühn, der in Berlin schon mein Kollege war und seit der Verlagerung hier geblieben ist.
Vielleicht waren die 3 Tage doch etwas anstrengend. Am Mittwoch 4.VI. kam ein schweres Gewitter mit einem Temperatursturz, der hier viele Leute umgeworfen und auch mich angeknackst hat. Seitdem nämlich leide ich an Schwindelanwandlungen (und sehr herabgesetztem Puls), die besonders im Kolleg sehr störend sind. Der Nervenarzt Ernst (Bruder Historiker in Heidelberg) wollte mich nicht behandeln, sondern überwies mich gleich an unseren hiesigen Internisten, der mich aber erst gestern untersucht hat. Es ging, wie ich es mir vorgestellt hatte, mit allen, aber auch allen Chikanen der Wissenschaft. Mit dem Befund des bloßen Hörens und
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| Tastens war er nicht unzufrieden. Nun muß aber noch abgewartet werden, was beim Elektrokardiogramm, Röntgenfilm und der Blutprobe herausgekommen ist. Das werde ich morgen hören. Ich bin also in der Hand der "wissenschaftlichen Medizin". "Geholfen" habe ich mir zunächst selbst mit den älteren Herztropfen von Munk. Aber ganz weicht der Zustand nicht. Das Kolleghalten ist aufregend; ich schone mich einstweilen nach Möglichkeit.
Fürs erste ist also rebus sic stantibus an eine Reise meinerseits nicht zu denken. Es hätte ja nichts geschadet, wenn wir uns "zwischendurch" einmal kurz gesehen hätten. Das eigentliche Projekt ist für den Anfang August anzusetzen. Mit der Paßsache muß ich spätestens Anfang Juli etwas unternehmen.
Zwei Verlorene haben sich wiedergefunden: 1) meine Promota die Millionärin Barbara Morgan in New York, die wohl schon vor 1½ Jahren hätte schreiben können. Ich habe das so formuliert: "Es erschien mir als geschmackvoll, nicht zu antworten, ohne gefragt zu sein". 2) Das serbische Ehepaar Prof. Najdanowitsch, die nicht nach Hause konnten und aus einem Duodezcollege westlich von London schreiben. Die Nachrichten aus Berlin werden immer trüber, generell u. privatim. Marianne mit ihrem Mann geht nach Essen. Jenny bleibt allein in Bornim. Wir sind jetzt mehrfach mit dem Nationalökonomen Brinkmann zusammen, der in Heidelberg, dann in Berlin, zuletzt in Erlangen war und jetzt hier ist.
Für den hübschen Notizblock und alle sonstigen
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| Zuwendungen danke ich sehr. Das "Schloß am See" sieht sehr märkisch aus. Ich würde auf Zietens Wustrow raten.
Überraschenden Besuch hatten wir von der Psychotherapeutin Frau Wünsche, die in Dahlem im Hertzschen Haus lebt. Was sie von der Fabeckstr. 13 erzählte, erweckt keine Sehnsucht.
Herzlich freut es mich, daß Otto Kohler wieder da ist. Falls Du nach Dielbach gehen solltest, sei in allem recht vorsichtig und nimm warme Sachen mit. Die Temperaturdifferenzen sind in diesem Jahr ungeheuer. Vermutlich wird ein schwerer Kampf um den Omnibus sein. Richte nur alles mit größter Sorgfalt ein und gefährde Dich nicht!
Die allgemeine Lage für die nächsten Monate beurteile ich als sehr kritisch. Wenn man doch einsähe, daß ohne unsre Gesundheit keine Genesung möglich ist!
Nun wäre wohl alles erzählt und es bleibt nur noch übrig, Dich innigst zu grüßen, mit all den Wünschen, die Du kennst. Susanne dankt für lieben Brief und von mir mißbilligte Sendung.
In Treue
Dein
Eduard.

[] Dein Brief an mich war auch noch durch Zensur verzögert.