Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Juni 1947 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

28.6.47.
Meine einzige Freundin!
Wenn ich etwas klein schreibe, geht vielleicht der Bericht über den gestrigen Tag, an dessen Eindrücken ich Dich teilhaben lassen möchte, hinauf. Das Papier ist nämlich so knapp wie die Zeit. Das Schönste, den Tag für mein Innerstes Heiligende, ist immer Dein Brief, und diesmal noch mehr als sonst repräsentierte er mir die ganze "Heimat". Ich nehme jedes Wort ganz in meine Seele auf. Und dies ist die Feier im innersten Heiligtum.
Daß Du auch noch etwas geschickt hast, ist schon deshalb nicht recht, weil das viel Kraftaufwand erfordert. Und für Dich soll nun noch ein Teil der Haushaltsführung hinzukommen, wo schon mancherlei zu Zeichnen ist? Lieber wäre mir, man nähme Dir etwas ab. – Der Familie Buttmi bitte ich zu sagen, daß ich über den Unfall der Tochter, die so liebenswürdig ist, sehr erschreckt bin und mit ihnen auf eine gute Genesung hoffe.
Am 26. kam der Dekan, der (Vetter) Helmut v. Glasenapp, mit Blumen von der Fakultät; nahm mich aber auch in eine Sitzung mit. Abends mußte ich bis spät zu einem (auch musikalischen) Zusammensein mit den klassischen Philologen, wobei ich eine Ansprache zu halten hatte und wieder Blumen bekam. Gestern um ½ 7 (= ½ 5) ertönte ein Ständchen, das mir der Singechor der Ev. Studentengemeinde brachte; ich war noch garnicht fertig; völlig überrascht. Von 8–10 hatte ich schweres Kolleg. Auf dem Katheder eine Fülle v. Blumen. Keine Ansprache, aber eine "Erwiderung" von mir. Im Laufe des Tages kamen
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| nicht weniger als 31 Besucher, ein Sturm, dem man in meinem Alter kaum standhalten kann. Susanne lenkte alles so, daß ich nicht aus dem Gleichgewicht kam, ja sogar einen Mittagssschlaf haben konnte. Um 3 ging ich ahnungslos zu meiner Sprechstunde. Ich fand den Seminarraum verwandelt, die Seminarmitglieder fast vollzählig. Sehr schöne Musik (Violine, Flügel, Gesang meiner besten Promovendin.) Eine Ansprache von Dr. Sachs, improvisierte Erwiderung. Der Gabentisch voll Blumen, Rembrandt (Hundertgüldenblatt gerahmt), eine Flasche etc. Schließlich auch Sprechstunde. Nachm. kamen Herres, Frl. Dr. Schaal, Cilli als Erwartete, Kollegenfrauen, deren Männer schon vorher dagewesen waren (von der Fakultät waren nur 2 nicht erschienen.) Schließlich auch Marta Wais (Holl) mit Silvia, so daß beide Patenkinder da waren. Bücher, Wein, Tabak in unzeitgemäßer Fülle. Oelrich hatte einen fast allzu gehaltvollen Artikel für das Schwäb. Tageblatt geschrieben.
Um 19½ trat Stille ein; ich war so ziemlich erledigt. Und wann soll ich das alles beantworten und bedanken? Zumal es eine trübe Sache mit den Ferien sein wird. Wie die Ferienkurse (ab 4.8.) laufen sollen, ist noch nicht zu erfahren. Wohl aber steht fest, daß das W.S. schon am 15.9. beginnt. Wenn ich nur unsren Plan bald festlegen könnte! Inzwischen wird Dich Hermann hoffentlich besuchen.
Am Montag habe ich wieder einen Extravortrag, für die Pastoren. Man muß hier wirklich für sein Geld etwas tun. Am 12. Juli ist Munk zu erwarten.
Der Hafis ist herausgelegt und geht bald ab; ebenso bekommst Du 2 blaue Exemplare von der Magie der Seele.
Beneidenswert ist meine Lage gegenüber der Brieffülle nicht. Man könnte beinahe sagen: so ein Geburtstag ist ein schwerer Schlag. Aber natürlich war es auch schön. Die Menschen sind hier so viel unmittelbarer. Nimm vorlieb mit diesem "Bericht" und fühle alles Unausgesprochene, wie sonst. Susanne und Ida grüßen. Und ich bin <li. Rand> auch im 66. Dein in Dich ganz verwachsener Eduard.
[] Ernst Meister ist für dauernd auch in Essen.