Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Juli 1947 (Tübingen)


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Tübingen, den 9. Juli 1947.
Meine einzige Freundin!
Die Last ist in der letzten Zeit hier ein bißchen zu groß gewesen. Zum Ausgleich besteht die Aussicht, daß sie in den nächsten 3 Wochen noch größer wird. Ich schaffe es nur mit einer mühsamen Technik der Ausbalanzierung und dadurch, daß ich viel Notwendiges einfach liegen lasse. Herrn Bennholds Pillen und Frottierungen kommen gegen die drängende Pflicht und mein einmal vorhandenes Alter nur notdürftig auf.
Aber endlich will ich doch wenigstens für Deine lieben Geschenke danken: für die Stärkungsmittel, zu denen ich auch den Tabak und die Zigarren rechne, für das Schächtelchen aus Aschersleben (!), für die Seife, die Karten, (die alten sind täglich im Gebrauch) und für den Proppen, auf dem ich pfeife. (Berliner Redensart, wohl noch bekannt!)
Ich hoffe, daß ich morgen die "Berufung" des Herrn Siebeck beilegen kann, die eigentlich schon da sein sollte.x) [li. Rand] x) Sie ist auch heute nicht eingetroffen. Wahrscheinlich läßt er das Schriftstück noch von dem Franz. M. R. beglaubigen. Diesen Moment Deine lieben Zeilen Dem Rektor habe ich, da keine Ent
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|scheidung kam, erklärt, daß ich für die Ferienkurse, die über Württemberg verteilt werden sollen, vom 11.–22. August zur Verfügung stehe. Wir müssen dann bald beschließen, ob für unser Zusammensein die Zeit vom 2.–10. oder gleich nach dem 22.8. geeigneter ist. Am 15.9.(!) beginnt das W.S.
Mit dem kleinen Pestalozzi ist nun die Reihe meiner neuen opera abgeschlossen. Du findest ferner meine Antwort an den Bischof Dibelius, die ich gelegentlich gern zurückhätte, und den Artikel von Wenke. Die "Magie der Seele" beginnt schon zu wirken, zunächst in – Heidelberg. Radbruch schickte mir einen lebhaften zustimmenden langen Privatbrief von Hartlaub (früher Kunsthalle Mannheim). Mit Hellpach entwickelt sich fast eine briefliche Freundschaft. Aber die Theologen werden sich natürlich ihre Monopoloffenbarung nicht rauben lassen.
Von Hermann hatte ich liebe Zeilen zum Geburtstag. Meinen Brief nach F. scheint er nie erhalten zu haben. Ich weiß nicht, wie sein Reiseweg sein wird. Aber ich wünsche Euch beiden eine baldige Begegnung. Und dann wirst Du ihm zunächst meinen warmen Dank und meine
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| inhaltsvollen Grüße sagen.
Die Geburtstagsbriefe habe ich zum größeren Teil durch 90 uniforme Postkarten beantwortet. Ob es zu mehr kommen wird, ist mir in den meisten Fällen fraglich. Es waren manche Grüße aus sehr alter Zeit dabei; einige dann auch gleich verbunden mit der Bitte um Entlastungszeugnisse. Andere wirklich schön und beglückend. Aber der Rundfunk hätte den Tag lieber verschweigen sollen.
In der vorigen Woche hatte ich wieder einen Extravortrag, diesmal für die Pastoren der Umgegend, die fast alle ein gesegnetes Alter hatten. Thema: "Die Bewußtseinsverfassung des modernen Menschen und der christliche Glaube." Nächste Woche für die Studienreferendare: "Weltanschauliche Voraussetzungen der Demokratie." So habe ich in jeder Woche 5–6 verschiedene Gedankenmassen zu wälzen, was kaum ein jüngeres Gehirn aushält.
Für Sonntag ist der medizinische Freund Munk aus Berlin zu erwarten. Zwischen dem 15. u. 20.7. "schwebt" Erika Gomies. Alles hübsch, aber wo soll ich das unterbringen? In wenigen Tagen beginnt die Sündflut der Prüfungen. Außerdem muß und soll am 18.7. das Seminar ins Haus eingeladen werden. Dabei habe ich noch nicht einmal alle Geburts
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|briefe lesen können. Susanne schreibt schon den ganzen Tag.
Das Haus Dahlem erfordert auch Überlegungen, wovon lieber (oder ungern) mündlich, denn für heute muß ich schließen, weil es spät ist. Ich danke Dir nur noch einmal für alle Beweise Deiner Liebe, in der ich ruhe und – dem übrigen standhalte, so gut es geht.
Wie ist das Befinden von Frl. Buttmi? Dem guten Matussek danke auch für seine wohl mit Recht vermutete Vermittlung in der Tabaksbeschaffung.
Viele Grüße auch von Susanne und der neu bezahnten Ida.
Innigst
Dein
Eduard.

[Kopf S. 1] Zu viel Zeichnen auf einmal!