Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Juli 1947 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN

19. Juli 47.
Meine einzige Freundin!
Leider werde ich nur dann ohne Schaden durch die mörderlichen Anstrengungen dieses Semesterschlusses hindurch kommen, wenn meine Mitmenschen viel Nachsicht mit mir haben. Susanne leistet Unvorstellbares, um mich intakt zu erhalten, und ich weiß, daß Du mir Lücken im Beantworten etc. nicht übelnehmen wirst. Zunächst danke ich herzlichst für Deine soeben eingetroffenen lieben Zeilen vom 16. Juli. Ich war in Sorge wegen der Anstrengung, die für Dich mit der nächtlichen Begegnung am Bahnhof verbunden sein mußte, freue mich nun aber, daß sie geglückt ist und daß Hermann gesundheitlich <gestrichene unleserliche Zahl> [über der Zeile] am Tage nach seinem 66. Geburtstag keinen ungünstigen Eindruck gemacht hat. Ob sich der Kraftaufwand bei Deinem vielen Zeichnen schnell ausgleichen wird, ist mir leider zweifelhaft.
Die beiliegende "Berufung" habe ich schon mehrere Tage zurückbehalten, weil sich am 15.7. die Sache mit den Ferienkursen entscheiden sollte. Dabei passierte aber eine der Pannen, wie sie hier an der Tagesordnung
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| sind und die man brieflich niemandem klar machen kann. Kurz: Genaues weiß ich noch nicht. Aber ich kann mich auf der Basis verhalten, daß ich nur vom 11. bis 22.8. an den Ferienkursen beteiligt (und dannx) [li. Rand] x) d. h. in diesen 12 Tagen v. Tüb. fort=) bin. Die Zeit vom 1. bis 10. August wäre also frei (ausgenommen den 7.VIII.) und dann wieder ab 23.8. Eigentlich wollten wir nach dem 22.8. auf Einladung von Felizitas nach Partenkirchen zu der mehr als dringenden Erholung. Aber damit ist es Essig. Der Teufel (in einem Dr. Schischkoff) hat für den 1.–8. September einen Philosophenkongreß nach Garmisch gelegt; die Teilnehmer kommen teils 8 Tage früher, teils bleiben sie 8 Tage länger. Also ist es unmöglich, in Part. ruhig zu existieren. Etwas anderes wissen wir noch nicht. Lege also Deine von mir innigst ersehnte Fahrt nach Tüb. so, wie es mit der schwierigen Terminfrage bei der Paßbesorgung und bei der Geltungsdauer am besten zu machen ist. Vielleicht hilft Dir Dr. Matussek dabei.
Ich habe nicht in Erinnerung, ob Du mir das Eintreffen von 2 blauen Exemplaren der "Magie der Seele" bestätigt hast. Bei der Beschaffung meiner Bücher habe ich selbst Schwierigkeiten. Die Reflektanten müssen sich an das alte Mittel des Abschreibens wieder gewöhnen. Ein früher Unsinn ist,
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| daß der "Pestalozzi" schon vergriffen sei. Denn er kommt erst im August in den Handel (aber nur 2700 Ex.)
Zu den "Sorgen" mußte ich bei meiner Schwäche und übermäßigen Belastung leider 2 liebe Besuche zählen, die mitten in die Prüfungszeit hineinfielen. Angemeldet kam Prof. Munk, den wir immerhin in den Stundenplan einfügen konnten; unbestimmt angemeldet Erika Blumenstock (Gomies.) Für sie blieb nur ganz wenig übrig. Das hat mir aber weniger leid getan, nachdem sie innerhalb von 2 Stunden auch nicht eine Frage nach uns getan hatte.
Gänzlich von Susanne u. Frl. Dr. Schaal vorbereitet, also ohne Belastung meines bald platzenden Gehirns, erfolgte gestern der gemütliche Abend für das Seminar in der Rümelinstr. 12. Wir waren ca 25. Es war unbeschreiblich geistvoll und heiter. Damit ich aber nicht übermütig würde, biß ich mir an einer hiesigen Salzstange dabei einen Zahn aus, der natürlich kein eigner war. Wie hübsch Zusammenkünfte hier verlaufen, ist wahrhaft erquickend. Auch die Diskussion bei dem mühsam vorbereiteten Sondervortrag dieser Woche "Weltanschauliche Grundlagen der Demokratie" war die reine Freude.
Ein hiesiger Kollege hat mich zum Geburtstag angedichtet und das in die "Studentenzeitung" gesetzt. Den Artikel von Wenke habe ich wohl
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| schon geschickt.
Wann soll ich nur die Geburtstagsbriefe beantworten? Denke Dir, nun hat sich auch der alte Reimesch der mir immer um 20 Jahre und 1 Tag voran war, noch gemeldet. Und Joachim Wach, der Totgesagte, lebt. Und Frau Claparède aus Genf, die ich 1914 kennen lernte, hat mir mit 75 Jahren geschrieben.
Es ist schon zu spüren, daß die "Magie der Seele" die Gemüter pro und contra stark aufwühlt. Das bedeutet aber auch immer ellenlange Briefe. Heute vor 1 Woche mußten noch alle Finanzsachen für Berlin und Tübingen bearbeitet werden. Es ist wirklich wie in Brockmanns Affentheater. Und mit dieser weltanschaulichen Feststellung wie mit den innigsten Grüßen laß mich für heute schließen.
Ja nichts schicken!
Dein
Eduard.