Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. August 1947 (Freudenstadt/Haus Sonnwärts)


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Freudenstadt, Haus Sonnwärts
den 24. August 47.
Meine einzige Freundin!
Am Montag haben Dich meine Gedanken Stunde für Stunde nach Heidelberg verfolgt. Es wird eine heiße Fahrt gewesen sein. Wenn sie nur ohne Zwischenfälle verlaufen ist! Zu Hause begrüßt einen dann meist gleich etwas, was besser nicht sein sollte. Möge auch dies maßvoll gewesen sein. Ich bin voll Dank gegen die Vorsehung, die uns diese schönen gemeinsamen Tage geschenkt hat. Die Reise hin und zurück ging zu Lasten Deiner Kräfte. Ich wünsche von Herzen, daß Du – heimgekehrt – diesen Aufwand nicht bereust. Mir hast Du damit dasjenige Geschenk gemacht, daß ich mir vor allem anderen ersehnt habe. Hier spinne ich nun älteste und neueste Erinnerungen fort.
In Tübingen hat der ersehnte Regen nicht kommen wollen. Um so treuer kam der Briefsegen. Viel anderes, als diese Berge abarbeiten, habe ich nicht mehr tun können. Am Freitag fuhren Susanne und ich um ½ 12 ab, bestanden in Dornstetten den wirklich schweren Kampf um den Omnibus erfolgreich (ich dadurch, daß gleich 2 Studienräte drin zu meinen Rettern wurden). Oben hatte es geregnet. Unser Haus ist das neben dem Turmrestaurant, also die höchste mögliche Lage. Man ist
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| sehr freundlich, schöner Blick, alles sehr ruhig, kurz: das große Los. Nur der Schreibtisch ist nicht so, daß er mich anzieht; das muß auch mal 9 Tage gehn. Der Klimawechsel ist mir äußerst schwer geworden. Ich kam mit Mühe hier herauf. Noch immer bin ich nicht sehr unternehmungslustig. Aber morgen wollen wir über ÖdenwaldSchömberg nach Alpirsbach. (Günther hat gestern Kartoffeln gebracht.) Bisher waren wir nur in Lauterbad und heute nach Zwieselberg, wo ich vor dem letzten Anstieg streikte. Kurgäste sind so gut wie garnicht zu sehen. Aber in den Straßen wie im Wald grüßt mich immer irgendwer, den ich nicht kenne, und soeben war auch schon der 1. Besuch da, ein General vom 20. Juli, der in Berlin bei mir gehört hat. Im Hause essen mit den beiden Inhaberinnen und uns nur eine ganz alte u. eine ganz junge Dame. Vorläufig habe ich noch die Unruhe des Betriebes in mir. Wenn sie vorbei ist, wird auch die Spritztour vorüber sein.
Das Grün scheint mir dies Jahr leuchtender als je. Aber das war früher nicht daß ich bei jeder Tour erst kalkulieren mußte: kannst du das auch leisten. Und man dachte vorwärts; heute denke ich rückwärts.
Vor der Abreise hatten wir u. a. noch Besuch von der Frau Pfarrer Kindermann (Athen, jetzt Baden-Baden.) Die Tochter studiert in Heidelberg. Bei Cilli Oe. handelt es sich nur um eine Gehirnerschütterung; aber sie hat – wie schon vorher – Fieber unbekannten Ursprungs. Der Vater von Frl. Schaal ist auch erkrankt. So pendelt sie zwischen Calw u. Tübingen.
Viel Gescheites kann ich hier nicht schreiben. Ich nehme, wenn das Wetter erträglich ist, morgen diesen Zettel mit <li. Rand> nach Alpirsbach und stecke ihn dort ein. Susanne grüßt herzlichst, und ich von jeder Bank <re. Rand> auf der wir einst gesessen haben. Innigst Dein Eduard.
[Kopf] Strenge Dich nicht an! Grüße Matusseks.