Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. September 1947 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

8.9.47.
(1944: Verhaftung.)
Meine einzige Freundin!
Ehe ich morgen nach Partenkirchen fahre, wozu ich in Stuttgart durch Frl. Lampert die Zulassung zu erhalten hoffe, möchte ich Dir doch noch einen notgedrungen kurzen Gruß senden. Wir sind am Dienstag nach dem üblichen Kampf um den Omnibus von F. abgefahren. In Horb hatten wir 3 Stunden Aufenthalt, die wir teils am Waldrande sitzend, teils in der alten Stadt (Typhus!) verbrachten. Zu Hause fand ich von 4 Tagen einen Stoß Post in Höhe von ca 35 cm. Damit ist dann das Intermezzo zwischen 2 Fahrten so ziemlich ausgefüllt worden. Im Vordergrund stand die Debatte um die "Magie der Seele", die besonders in Berlin Wellen schlägt. Ich stehe natürlich nicht allein gegen Dibelius. Aber diese Dinge sind ungeheuer schwer; man müßte sich zunächst über den beiderseitigen Sprachgebrauch verständigen. – Außerdem haben mich die 3 Ministerpräsidenten der engl. Zone aufgefordert, am 3.X. mit Grimme u. einen Dritten ein Referat über Schulreform in Düsseldorf zu halten. Das habe ich ablehnen müssen. Ich bin jetzt "nur noch Lehrer" (Wilamowitz über den alten Plato.)
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Frau Kühne, aus Berlin zurückgekehrt, besuchte uns munter. Cilli fand ich Gottlob im ganzen wiederhergestellt. Gestern waren wir bei Herres. Ihre Möbel waren bis zur Grenze der Westzone gegangen. Wagen geplündert u. nach Berlin zurückgeschickt. Unsagbare Kosten – kein Erfolg. Es geht da anscheinend irgend etwas vor. Der Rektor v. Leipzig (Philo. Gadamer) hat Ruf nach Frankfiurt angenommen. Von L. verlautet öffentlich Ähnliches.
Die Wintersorgen sind sehr ernst. Kann Dir nicht die "Firma Matussek" zu einem kleinen Kartoffelvorrat extra verhelfen? Leite doch ja alles ein, was sich tun läßt. Ohne einen einflußreichen Gönner wird freilich wenig zu machen sein. – Susanne kämpft jetzt den Kampf um das Holz.
Ich werde am 14. früh (Sonntag ohne Postbestell.) oder spätestens am 15. früh nach Ulm fahren, wo ich am 15. zu reden habe. Am 16. hoffe ich wieder hier zu sein. In P. wird am 10. auch Wenke eintreffen. Eine Schwierigkeit ist, wie ich Frau Petersen (in Murnau) unterbringe; zu umgehen ist eine Begegnung schwer. Auch diese Tage werden ein Kampf um die Zeiteinteilung werden. Ich habe mich in F. merklich erholt. Aber was können 10 Tage leisten.
Ida hat sich über Deinen Gruß herzlich gefreut u. erwidert ihn wärmstens. Wir gedenken oft an das schöne Zusammensein und hoffen auf Wiederholung. Wenn nur der Winter nicht auch noch streng wird! Seit Deiner Abreise hat es hier – nur 2 Minuten geregnet. Susanne grüßt Dich mit mir und ich bleibe im Geiste des 31.8. immer Dein liebevoll dankbarer
Eduard.

[li. Rand] Wären normale Zeiten, würd ich in Tutzing unterbrechen.
[re. Rand] Heute Brief v. Louvaris. Der alte Seitz feiert am 12.9. in Seckenheim bei Mannheim seinen 84. oder 85. Geburtstag