Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. September 1947 (Tübingen)


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Tübingen, den 24. Sept. 47
Meine einzige Freundin!
Als Deine beiden lieben Nachrichten aus Dielbach kamen, war ich doch sehr überrascht, daß die Fahrt plötzlich erfolgt ist, aber ebenso erfreut. Wenn nicht der Omnibuskampf wäre – wie in Dornstetten – dann könnte Dir ein solcher Ausflug Erfrischung bringen. Aber es hängt eben an allem heut etwas Ekliges dran. Hoffentlich bist Du vor der Kälte schon wieder unten gewesen. Der Kontrast – bei uns von 29 mittags auf 3 morgens – ist doch etwas mehr, als der Mensch ohne Nachteil aushalten kann.
Und in Partenkirchen war Föhn, der Felizitas noch mehr lahmlegte als mich. Überhaupt war das landschaftliche Wiedersehn ohne Poesie. Das persönliche war wohltuend, – als ob gar nicht "so viel" und "so lange" dazwischen läge. F. hält den Besitz in guter Ordnung. Die Familienverhältnisse bleiben "atridisch". Ich kam einigermaßen zwischen den Gegen
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|sätzen durch. Am letzten Abend lernte ich noch "den, der eventuell" kennen und hatte einen günstigen Eindruck.
Schon Sonntag 14.9. fuhr ich morgens ab, bis München fürstlich im Schnellzug. Aber in München ging der geplante Zug nicht mehr. Frl Geppert, die mit Kaffee am Bhf. war, hatte durch einen gewandten Neffen in einem unmittelbar anschließenden Zug ½ Platz belegen lassen. So kam ich in das heiße Ulm, wo am Bhf. nichts mehr von den beiden Hôtels steht, zwischen denen wir 1933 wählten. Ich verbrachte 1½ Tage wartend im Hause Scholl, dessen Tragik bekannt ist. (Einige Jahre haben sie am oberen [über der Zeile] unteren? Ende des Wutachtals gelebt). Das Klima lastete sehr auf mir, und so kam nur der Vortrag zu 10 M heraus. Am Dienstag 16. erkämpfte ich unter schrecklichen Schwierigkeiten einen halben Stehplatz im Zuge nach Plochingen. Obwohl die Fahrt nur 1 Stunde dauerte, war sie eine der schlimmsten, die ich je gemacht habe. Von der ganzen Tour kam ich mit einer Unterbilanz an, die ich noch
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| immer spüre. In Ulm sah ich Frl. Krogner und 2 Berliner Schülerinnen.
Inzwischen war hier Agathe Meinecke gewesen. Die Post von 8 Tagen war geringer als die von 4 Tagen bei der Rückkehr von Freudenstadt. Es waren auch nur noch wenige Tage bis zum Semesterbeginn. Gestern habe ich die Geschichte der Pädagogik begonnen, mit mehr Hörern als erwartet (ca. 250), die auch heute noch da waren. Der Anfang wurde mir schwer; eine Hauptursache dafür ist der Wettersturz. Ich beginne bereits wieder zu frieren.
Die "Magie der Seele" schlägt noch immer Wellen. Bis jetzt scheint es, daß die Katholiken mehr Verständnis dafür haben als "unsere" (nicht unerwartet.) Am Sonntag war hier eine große kirchliche Jungmännertagung, die Stiftskirche ganz voll, 150–200 junge Blüher; schon imponierend. "Jesus, der Erzieher zu einem sinnvollen Leben", war das Thema der formal guten Predigt. Aber – Jesus wurde als feste Größe vorausgesetzt; wie ein sinnvolles Leben aussieht, davon erfuhren die jungen Leute kein Wort. Wenn ich
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| Zeit hätte, würde ich – wie Sokrates – einmal durch alle Kirchen der Umgegend gehn, um den Mann zu finden, der eine fruchtbare Predigt halten kann. Die Geschichte von den zween Jüngern in Emmaus ist nicht zufällig entstanden.
Mit den Fahrten ins Freie ist es wohl für dies Jahr aus. Abgesehen von dem schweren Stoff des Semesters habe ich am 3.X in Ludwigsburg (Interniertenlager) und am 17.X hier einen Heimatkundevortrag zu halten. Mss. laufen pünktlich mit Semesterbeginn ein. Mir ist etwas zweifelhaft, ob ich das alles durchhalte.
Von Matussek habe ich lange nichts gehört. Wenn Du nach O.-Dielbach schreibst, grüße bitte Kohlers mit herzlichen Wünschen. Ich würde immer gern wissen, wie es mit Deiner Speisekammer steht. Bisher haben sich ja die Amerikaner immer am meisten bemüht, eine Hungerkatastrophe zu verhüten. Aber dies mal?? – Wir erhielten ein Paket aus Südafrika (unbekannte Anhängerin) und eine Einladung zu Vorträgen in Ecuador!! Aber von hier kommt man nicht einmal nach der Schweiz oder nach Schweden. Und Quito mit seinen 4000 m wäre mein Tod. – Wir grüßen Dich alle herzlichst. Im übrigen – alles so wie immer! Dein getreuester Eduard.
[li. Rand] Es ist mir sehr recht, daß die Sache mit Oesterreich nun endlich auf den normalen Null<Kopf>punkt gekommen ist.