Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Oktober 1947 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

2. Oktober 47.
Meine einzige Freundin!
Dein lieber Brief vom 22.9. ist mir sehr ans Herz gegangen. Ich wünschte, nur durch 2 Zeilen zu erfahren, ob Du den Anfall überwunden hast. War es wirklich das Brot? (Bei Euch gibt es doch auch Weißbrot!) Oder waren es Pflaumen? Und ist der Besuch aus Cassel
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| auch noch dazugekommen? Das wäre mir sehr unrecht. Die Leute bedenken nicht, daß "wir" nicht mehr so jung sind. Mein Vater hatte ganz Recht, wenn er sagte: im Alter könne man nur in seinen Gewohnheiten existieren – und brauchbar bleiben.
Ich rücke Dir Sonnabend–Sonntag um 60 km näher, leider nicht mehr. In Ludwigsburg habe ich die schwere Aufgabe, für die Internierten im Lager 77 zu reden. Das kostet wieder Vorbereitung und anstrengende Fahrten – im ganzen 3 Tage. Deshalb schreibe ich schon heute diesen Zettel. Am 29.9. waren nacheinander Diem (jetzt Köln) und Eugen Diesel (der Sohn vom Diesel-Motor) bei uns. Beides sehr interessant. Der Letztere ist persönlich sehr angenehm; von seinen Schriften habe
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| ich nie viel gehabt.
Der Rundfunk hat auch von mehrfachen Alarmen in Stuttgart berichtet. Die Russen sollen verlangt haben, daß die Brücken der Autobahnen sofort instand gesetzt werden.
In der Geschichte der Pädagogik ist die Besucherzahl gewachsen. Ins Platoseminar habe ich schließlich 80 statt 40 aufnehmen müssen. Das bedeutet: 1¾ Stunden stehn und steuern. Das kann ich aber nicht mehr. Heute um 3 habe ich meine Diesvorlesung "Der Wandel des Menschenbildes" begonnen. Das Maximum war schwer überfüllt, also über 600. Wollen sehen, ob das bleibt. Eben hatte ich Sprechstunde. Abends muß ich noch in einen Vortrag von K. F. v. Weizsäcker. (Sohn des Staatssekretärs).
Susanne und Ida haben unendliche Mühe (und ich Kosten) mit der Holz- und Kartoffelbeschaffung gehabt. Beides ist partiell endlich geglückt, so daß diese Sache nicht mehr brennend ist.
Morgens waren jetzt bei uns immer nur 1°, am Tage bis zu 18°. Das vertrage, wer kann. Ist es bei Euch auch so?
Ich flehe um Deine Gesundheit. Wir alle grüßen Dich herzlichst.
Dein getreuester
Eduard.