Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Oktober 1947 (Tübingen)


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Tübingen, den 19. Oktober 47.
Meine einzige Freundin!
Gegenüber Deinen lieben Nachrichtten vom 5., 9. (K.) und 12. Oktober bin ich stark in Rückstand gekommen, zuerst durch ein Übermaß von Arbeit, dann auch durch eine saftige Erkältung, die mich nötigte, gestern den größten Teil des Tages im Bett zu bleiben und damit den einzigen vorlesungsfreien Tag der Woche zu verschleudern. Den Husten und geradezu unvorstellbaren Schnupfen verdanke ich den Unbilden meines Berufs. In der Diesvorlesung sind nun 700 in dem Auditorium, das 500 Sitzplätze hat. Die Folge ist, daß die Tür rechts hinter mir aufbleibt und dann ein kalter Luftzug während des Redens über mich hinstreicht. Schon 1910 war das die Ursache eines langen Malheurs. Überhaupt sind die Temperaturkontraste hier abscheulich. Heute früh waren –2°, jetzt +18° in der Sonne. Die Gingkos verlieren seit heute die Blätter; sie werden fast in 1 Tage kahl.
Es war mir ein lieber Gedanke, daß Du mit Hermann ergiebig zusammensein konntest.
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| Ihr werdet da unendlich viel erörtet haben, was in den letzten schweren Jahren geschehen ist. Und wenn auch vieles irreparabel ist, so gibt doch das Miteinanderreden schon ein Gefühl von Wiederherstellung. Das weiß ich vom 15. Juli 1946.
Der "andere" Theolog hier, den Hermann nannte, war vielleicht Köberle? oder – noch – der alte Heim?
An Cilli würde ich vorläufig an Deiner Stelle nicht schreiben. Mindestens muß ich mal erst sehen, wie sie sich zu mir stellt, und das kann nur gelegentlich geschehen, bei einer Straßenbegegnung. Denn ich will sie nicht in eine Situation bringen, die für sie schwierig wäre. Betonte Annäherung könnte als Nachlaufen gedeutet werden.
Der Vortrag in Ludwigsburg, sehr gut vorbereitet, stand nicht unter günstigen Zeichen. Die Leute dort sind i. a. nicht sensibel oder sentimental gar. Sie wollen – nach 2½ Jahren – heraus, und das kann ihnen jeder nachfühlen. Die äußere Organisation war schlecht, besonders hinsichtlich meines Nachtquartieres. Man brachte mir zur Not mit einem Klapperauto nach Stuttgart; dort müßten wir erst suchen, bis wir das Hôtel fanden. Und
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| schließlich hatte ich dann mein Zimmer – übrigens sehr sauber – mit einem Fremden zu teilen, der aber fast noch rücksichtsvoller war als ich. Früh um ½ 8 ging ich dann bei scharfer, aber sonniger Kälte durch die zerstörte Stadt zum Bahnhof und war schon um 12 wieder in Tübingen. Von einem Hörer, anscheinend Bruder des Freudenstädter Generals, habe ich aber einen dankbaren Brief erhalten.
Was ich in diesem Semester zu leisten habe, ist wirklich etwas viel. Auf die letzte Diesvorlesung (Der altgriech. Mensch) habe ich 20 Stunden direkter Vorbereitung verwandt. Sie machte dann aber auch tiefen Eindruck. Nachher 1½ Stunde Sprechstunde u. abends – in 2 Stunden – noch schnell einen Vortrag über Heimatkunde für einen geogr. Ferienkurs gemacht. Dazu kam unser "Staatssekretär" (oder Minister?) Sauer, den man bisher noch nie gesehen hatte. Das alte Oberseminar soll nun inoffiziell fortgesetzt werden, alle 14 Tage. (Thema: "Die Erneuerung des Naturrechtes.") Ich kann nur immer wieder sagen: es ist ganz unglaublich, was es hier für begabte und leistungsfähige Leute gibt. Ich habe wieder die erstaunlichsten Proben gehabt. Entsprechend aber auch die Fülle der Mss, die gelesen werden müssen (220 S. über Nationalökonomie, glänzend)
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Eine große und gute Neuigkeit: Litt ist mit den Seinen (zunächst nur sie) in Bonn eingetroffen. Nähere Nachrichten fehlen noch.
Mit 2 Franzosen hatte ich ein fruchtbares Gespräch über Lehrerbildung. Um die Schulreform komme ich eben doch nicht herum.
In den Platoübungen sind – ich konnte sie bei ihrem Arbeitseifer doch nicht hinauspredigen, – 80 Leute. Das macht aber die Arbeit sehr schwer und nimmt dem schönen Stoff einen Teil des Reizes. Beim ersten Male habe ich 1¾ Stunden stehen müssen – allerdings mit dem Blick neckarabwärts.
Geredet hat hier der frühere Berliner jurist. Kollege Kauffmann (nicht sehr schön) und uns dann ausgiebig besucht. Heute kommt möglicherweise Vater Heß – aus Anlaß der Hundeaustellung! – während sein landwirtschaftlicher Sohn Günther es vorgezogen hat, den Antritt seiner neuen Lehrstellung im Berghof (Lustnau) eigenmächtig hinauszuschieben.
Nachrichten von Berlin wieder spärlich. Ich schließe auf eine allmählich eintretende Entmutigung dort.
Dies ist ein "Schnupfenbrief". Betrachte ihn mit Nachsicht. Du mußt das Beste zwischen den Zeilen lesen. Ich wünsche keine Überanstrengung beim Zeichnen in der dunkler werdenden Jahreszeit. Schreibe, wenn in einer <li. Rand> Lebensmittelsparte Mangel besteht. Wir drei grüßen herzlich, ganz besonders Dein getreuester Eduard.
[Kopf] Bitte danke Matussek für s. lieben Briefe.