Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. November 1947 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 2. November 47.
(vor 48 Jahren erhielt ich die Berliner
Reformationsmedaille, die Du auch hast.)
Meine einzige Freundin!
Leider kann es wieder nur ein kurzes Briefchen werden. Meine Erkältung hat 14 Tage angehalten und ist noch nicht vorbei. Es war immer leichtes Fieber damit verbunden. Trotzdem habe ich nichts ausfallen lassen. Aber wenn man alle 8 Tage vor 700 Leuten mit voller Stimme reden muß, während ein kalter Luftstrom über das Katheder hinstreicht, wie soll es da besser werden? Und auch sonst das viele Reden! Ich habe mehrfach gelegen. Die Folge ist: ein aufgetürmter Berg, der nun schnell abgetragen werden muß, während immer Neues kommt.
Wer ist in München nicht wieder eingestellt worden: Dieter? Welche Stellung hat er denn in Tutzing? Seltsam, daß Rudi nichts findet. Unsereiner findet nie einen Privatarzt, wenn er ihm braucht, und der SS. Arzt Bernhard Runge schlängelte sich geschickt in eine neue Praxis hinein. Es gibt übrigens auch brave SS. Ärzte, wie den in Moabit, dem Haushofer ein dankbares Sonett gewidmet hat.
Das Pestalozzidorf Wahlwies liegt nicht weit von Espasingen. Eine meiner Studentinnen hat es besucht.
Ist Deine Ofengeschichte nun in Ordnung? Es wird Zeit. Und wer hilft Dir zu Kartoffeln? Vielleicht die Gönnerin in Wiesloch? – Unsre Holzaktion ist gestern glücklich mit dem Sägen beendet. Wir werden wohl auch 7 Ctr. Kohleartiges haben.
[2]
|
Zum ersten Mal hat Heidelberg etwas für mich getan. Hellpach hat mir mitgeteilt, daß mich die Philosophisch-Historische Klasse der Akademie einstimmig (also mit Jaspers) zum Korrespondierenden Mitglied gewählt hat. Wären die Verhältnisse so, daß ich an den Sitzungen teilnehmen könnte, hätte man mich auch zum ord. Mitglied gemacht.
Louvaris hat sein Bild geschickt. Von Alfred angeblich indirekte Nachricht.
Da ich einmal eine seelische Auffrischung haben mußte, sind wir gestern um 12 nach Urach gefahren. Es war warm, aber so nebelig, daß wir auf dem einsamen Hohen-Urach (700 m) nichts sahen.
Günther Heß ist gestern als Eleve auf einem Gut in Lustnau eingetroffen. Der Reichskanzler a.D. Luther hat mich besucht, aber wegen meines Mißbefindens nur Susanne gesprochen. Flitner war einen Tag zu Berufungsverhandlungen hier. Ich hätte reine Freude darüber gehabt, wenn es mir besser gegangen wäre und es nicht gerade der Dienstag mit s. 3 Stunden gewesen wäre. Die Wohnungsfrage macht das Gelingen der Berufung unsicher.
Ich habe bisher sehr gute Diesvorlesungen gehalten, aber auch mit wahrhaft mörderlicher Anstrengung. Und so noch 7 Wochen! Nimm mit diesem Zettel vorlieb, damit die Pause nicht zu groß wird. Du weißt: ich denke, auch nicht schreibend, immer an Dich. Wir alle <li. Rand> grüßen. Innigst Dein Eduard, ein fauchendes, krächzendes, schnaubendes Ungeheuer.
[li. Rand S. 1] Der Pestalozzi ist längst im Handel und – da 15000 Bestellungen gegen 2400 Exemplare – wieder heraus.