Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1947 (Tübingen)


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Tübingen, den 12. November 47.
Meine einzige Freundin!
Es ist jetzt ein solcher Arbeitskampf, daß ich allenfalls zu einem Gruß an Dich komme. Ich weiß, Du wirst das meinem Herzen nicht zurechnen. Im stillen rede ich ja immer mit Dir und sehne mich um so mehr nach einer gesammelteren Aussprache, als sie äußerlich unmöglich ist. Aber diese Diesvorlesung frißt mich rein auf. Alle 8 Tage ein Kunstwerk in genau 60 Minuten hinstellen das ginge nur, wenn man den Stoff absolut beherrschte. Daran fehlt es aber, und zwar von Woche zu Woche mehr. Trotzdem glaube ich bisher wirklich mehr als Gewöhnliches geleistet zu haben. Aber es wird mir bitter schwer. Meine Erkältung (mehr schon Naseneiterung) hatte ich anscheinend überwunden; da fing am Sonntag der Schnupfen von neuen an. Wir haben hier ungeheure Temperaturkontraste. Die Universitätsräume sind morgens um 8 noch ungeheizt. Ich rede im Mantel. Durch das Mißbefinden verliere ich dann wieder Arbeitszeit. Trotzdem arbeite ich jeden Tag mindestens 8, manchmal 10 Stunden, und alle Vorlesungen etc. sind jetzt sehr schwer.
"Erlebt" haben wir nichts. Selbst die Post ist seit einiger Zeit spärlicher und uninteressanter geworden.
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| Der Gipfel der "geistigen" Welle scheint vorbei. Man steht vor der realen Not des Winters und sammelt den Rest der Kräfte. Die politische Entwicklung der allernächsten Zeit wird sehr wichtig sein. Man soll jetzt wieder Zeitungen lesen.
Von Käte Silber hatte ich einen ausführlichen Brief. Sie läßt Dich grüßen. Meinecke hat seinen 85. Geburtstag durch Überwindung einer neuen Lungenentzündung gefeiert.
Wir werden nun noch weniger hinauskommen als sonst. Aber morgen um 9 abends – wenn ich dann noch kann – wollen wir die 9. Symphonie hören. Meist muß ich solche Genüsse im letzten Augenblick aufgeben.
Mehr habe ich heute nicht zu berichten. Die Feder gehorcht mir schon nicht mehr. Morgen handelt die Diesvorlesung von Augustinus. Das ist ein hartes Stück – in 1 Stunde ein Bild zu geben. Wie es dann weitergehen soll, weiß ich noch nicht einmal. Aber es kommen noch 5 Stunden.
Noch einmal: habe Nachsicht und zweifle nicht an der Liebe Deines stets an Dich denkenden
Eduard.

[] Was macht das Zeichnen?