Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. November 1947 (Tübingen)


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Tübingen, den 28. November 47.
Meine einzige Freundin!
Es ist Freitag Abend, und damit ist eine Art von Wochenende erreicht, diesmal nach 4 Stunden Vorlesung, 4 St. Seminar, 2 Std. Sitzung, 2 St. Sprechstunde, dies alles außer – der Arbeit. Hoffentlich wird der Brief nicht so matt, wie ich bin. Denn ich habe ein großes Bedürfnis, nach so langer Pause wirklich einmal wieder mit Dir zu reden. Im stillen habe ich es oft getan und vor allem gefragt, was das mit den Nieren eigentlich ist. Du hast keine nähere Erläuterung dazu gegeben. Aber man hört so etwas nicht gern, auch wenn daraus ein kleiner Krankenzusatz folgt. Dies bitte ich mir also zu erklären; ich wäre glücklich, wenn es harmlos wäre. Hast Du ein Heizkissen? Denn Warmhalten ist in jedem Fall die Hauptsache.
Weiter ist überfällig mein Dank für die Sendung. Dibionta ist auch ganz hübsch. Aber die Zigarren – woher? – kamen gerade im rechten Augenblick, als garnichts von dieser Art mehr da war, und ich bin Dir sozusagen um den Hals
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| gefallen. Ohne Reizmittel sind die großen Anstrengungen in meinem Alter nicht mehr zu bewältigen. Beispiel: ich habe meinen chronischen Winterbronchialkatarrh, der sonst passabel ist. Aber wenn ich mich hinlege, verlagert sich der Schleim, und ich muß erst mal ½ Stunde husten. Neulich habe ich über eine Schülerin in Lindau 3 Halbliterflaschen Obstbranntwein zu je 50 M erworben (das erste Mal so verschwenderisch!); nach 2 kl. Gläschen blieb der Husten völlig weg, so daß ich gleich einschlafen konnte.
Anderen vom gleichen Alter geht es noch schlechter. Der arme Ernst Hoffmann in der Ziegelhäuser Landstr. ist herzkrank und muß fast immer liegen. Wegen seiner Nicolaus v. Cuesforschungen hätte er es besser verdient. Daß er mich in eure Akademie gebracht hat, scheint Dir keinen Eindruck gemacht zu haben.
Wenn Du zeichnest, strebst Du das Maximum von qualitativen Gelingen an. So mache ich es mit den Vorlesungen. Im Laufe der Zeit ist dafür in mir ein hohes Formgefühl entstanden. Ich kann das hingesudelte Zeug sog. Antrittsvorlesungen, das hier manchmal geboten wird, nicht milde hinnehmen. Das ist Schlamperei. Die Folge meines Bemühens ist, daß alle Kraft, und mehr, auf diese rednerischen Leistungen
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| geht. Von m. Diesvorlesung redet ganz Tübingen. Mir kostet sie viel Qual. Aber es wird dann auch etwas. Noch immer muß in einen 2. Hörsaal mit 150 Leuten übertragen werden. – Am schlechtesten gehen die Platoübungen. 100 haben sich hineingedrängt, 75 sind geblieben. Die sind schwerfällig, und ich muß 1 Stunde 40 Min. stehend den Gedankengang dirigieren. Est ist hier didaktisch ein ganz falsches Prinzip: man baut von oben, mit Monstrevorlesungen, für die jedes kritische Aufnahmevermögen fehlt; fürs Arbeiten lernen am Kleinen bleibt weder Sinn noch Kraft. Das (nicht öffentlich angekündigte) Oberseminar "Frage nach der Erneuerung des Naturrechts" hat nur Elite und funktioniert bei halber Anstrengung recht gut. Heute in 14 Tagen sollen sie alle bei uns zu einem kleinen Weihnachtskaffee sein.
Abwechslung gibt es wenig. Herres können wir wegen ungünstigen Fahrplans nicht mehr erreichen. Am letzten Samstag waren wir aber noch auf der Weilerburg bei Rottenburg (Du hast sie von fern gesehen.) Da waren +15°R; heute liegt schon Schnee. Einmal haben wir eine passable Aufführung der 9. Symphonie gehört, die leider erst nach 9 anfing.
Die gute alte Frau Kühne ist, nachdem sie ernstlich krank gewesen war, nun doch für immer der Familie des Sohnes nach Toulouse gefolgt. Der Abschied war für uns drei recht wehmütig.
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Eines Tages tauchte Frau Heinzelmann auf. Sie ist hier in der Hautklinik. Der betr. Kollege sagte mir: Carzinom; er hoffte aber, seiner durch Bestrahlungen Herr zu werden.
Vom Bodensee, mindestens der Reichenau, hört man nichts. (Ich soll aber zu den Werken von Emanuel v. Bodmans eine Einleitung schreiben; wie komme ich dazu? aber so etwas mache ich schließlich noch lieber als die Serienaufsätze.) Eine Klientin von mir in Überlingen bietet Quartierbeschaffung an. Ostern ist Ende März. Das wäre wohl zu früh; aber wenn so etwas zu Pfingsten glückte. – HeidelbergFriedrichshafen – dann Dampfer! Nun, man soll nicht zu weit planen. Wenn stattdessen erst mal die Zonengrenze fiele! Es wird in der nächsten Zeit ja allerhand vor sich gehen. Gutes wohl nicht; wenn es nur ein ganz klein bißchen hoffnungsheller würde! Wir hier können ja nicht klagen. Aber an die Berliner, die sehr schweigsam werden, denkt man mit größter Sorge. Ich bekomme Schilderungen aus der r. Zone, die das Bild deutlich genug machen. Litts sind nun in Bonn; aber als sie ihren Möbelwagen öffneten, hatte es darin gebrannt. Herre hat Tausende in den Transport gesteckt, und er ist immer noch nicht geglückt.
Zur Korrespondenz komme ich wenig. Das geht mehr und mehr an Susanne über. Aber neulich habe ich
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| am 1 Tage 1 Brief nach Athen, einen nach Teheran, 1 nach Budapest und einen nach Oesterreich geschrieben.
Unsere weltanschauliche Lage ist so, daß man sie einmal ganz gründlich durchdenken müßte. Aber dazu bleibt mir keine Ruhe. Die "Magie" hat viel aufgewühlt. Bei Katholiken findet sie mehr Verständnis als bei unsren Theologen. Sicher aber ist, daß das Buch viel mehr wirkt als der "Goethe". Auf den "Pestalozzi" sind einige Stimmen aus der Schweiz zu hören gewesen, die "Kulturpathologie" wird anscheinend nur von Jüngeren verstanden. Rößle (Nachfolger v. Virchow) meint, man hätte die fehlgehenden Kulturentwicklungen von der Theorie der Mißbildungen, nicht der Krankheiten, angreifen müssen. Dies sind nämlich die 2 Häften der Pathologie. Aber eine 6fingerhand interessiert mich erst dann, wenn sie meine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, also als krankhaft wirkt.
Eine Lieferung Kartoffeln würde Dir mehr nutzen als dieser magere Brief. Wie sind denn die Aussichten? Heidelberg kann doch nicht ganz ohne K. auskommen!
Von Frau Morgan kam endlich die Sendung: Strümpfe für Susanne, ein Kleid, ein Mantel, und für mich außer Schreibpapier Kameelhaardecke.
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| Wenn Dir die letztere nützlich sein könnte, kannst Du sie – ohne jede Anspielung – haben.
Hat die Frau D'Héraucourt einen Universitätsprof. in ihrer Verwandschaft? Der Name kam hier neulich vor.
Die letzten 2 Stunden m. Diesvorlesung behandelten die Renaissance. Da habe ich doch auch in dieser ungeheuer reichen Zeit geschwelgt. Schade, daß ich von Kunstgeschichte so wenig verstehe! Aber ich habe etwas von Georg Weise herangezogen und den Carl Neumann, "Byz. Kultur u. Renaissancekultur" wieder gelesen, den Du mir einmal [re. Rand] 1904. geschenkt hast, der zwar unauffindbar, aber gewiß noch da ist. So geht es mir jetzt manchmal bei meinen Massen.
Zu Weihnachten, das muß ich jetzt schon sagen, werde ich leider garnichts Sichtbares für Dich haben, auch nicht eine Kleinigkeit herstellen können. Das Semester schließt am 18.XII. u. dann kommen sofort andre liegen gebliebene Verpflichtungen.
Ich bin jetzt ehrlich müde. Du weißt, daß Deine Gesundheit mein tägliches Bitten ist. Pflege Dich, so weit es zu machen ist; nimm das Einzelne nicht wichtiger als es ist! Wir drei grüßen herzlich, mit ganz besonderer Intensität
Dein dankbarer
Eduard.